Dröhnend und zischend ergießt sich der rotglühende Erzfluß aus dem Hochofen, grellgelbe Flammen schießen empor, orangefarbene Schwefelwolken wallen auf, harter Rock untermalt das Industrie Inferno: "Flashdance" in PittsburghPennsylvania.

Alles nur Kulisse, Hollywoods Szenario von gestern für ein Musical von heute. Die Traumfabrik bemächtigt sich des schönen Klischees, denn für die Amerikaner ist Pittsburgh das, was für unsereinen das Ruhrgebiet ist: eine Landschaft wie aus Kohle und Stahl, rußgeschwärzte Erde unter immergrauem Himmel.

Das Bild war nie ganz richtig, weder an der Ruhr noch am Ohio River. Die beiden Schwerindustriereviere sind eingebettet in grünstrotzende, wald- und hügelreiche Landschaft. Aber die Städte, das stimmt, waren Stätten kläglichen Lebens, im Pütt wie in Pennsylvania "Smoky City" war der berechtigte Spitzname der amerikanischen Stadt und die Geschichten, wonach zur Mittagszeit die Lichter angeschaltet werden mußten, weil die Dämpfe der Stahlmühlen die Straßen in Dunkelheit hüllten, sind noch allgegenwärtig "Meine Großmutter erzählte mir", erinnert sich ein Pittsburgher Kaufmann, "daß am Montagmorgen alle Frauen ganz früh auf den Beinen waren, um zu waschen. Die frische Wäsche konnte nämlich nur bis mittags auf der Leine hängen, dann wurden die Hochöfen wieder in Betrieb gesetzt, und die Schmutzwolken senkten sich von den Schornsteinen " Das ist Vergangenheit, seit fast einem halben Jahrhundert. Heute arbeiten nur noch zwei Stahlwerke an der Peripherie der Stadt, all die anderen schwarzen Fabriken an den Flußufern sind stumme Zeugen jener geschäftigen Zeit, die in den fünfziger Jahren ausklang, weil amerikanischer Stahl zu teuer wurde. Pittsburgh entwickelte sich nolens volens zu einer sauberen Stadt. Und zu einer armen Stadt. Die verqualmte Hochburg der US Industrie hatte auf einmal Zehntausende von Arbeitslosen und ihre Familien durchzufüttern. Die Stadt, auf Stahl gebaut, wankte.

Heute steht sie wieder auf festen Fundamenten: unübersehbar und mit einer der beeindruckendsten Silhouetten amerikanischer Großstädte. Das ist nicht nur den Wolkenkratzern zu verdanken, die sich hier zusammendrängeln wie zu einem Mini Manhattan, sondern auch der besonderen Lage. Pittsburgh liegt am Zusammenfluß zweier großer Ströme, des Allegheny und des Monongahela, die hier den Ohio, einen der mächtigsten amerikanischen Flüsse, bilden. Auf der Landspitze, die von den beiden Flüssen gebildet wird, schlägt das Herz Pittsburghs, im "Golden Triangle". Hier streben die Hauptsitze von über 200 großen Unternehmen stockwerkreich dem nunmehr klaren Himmel entgegen. Natürlich hat Amerikas Stahlund Erzbranche immer noch ihre Headquarters in der Stadt, aber längst haben die Konzerne diversifiziert und sind ins High Tech Business eingestiegen Über 25 000 Wissenschaftler arbeiten m Industrielabors und Forschungskliniken, medizinische Technik ist ein wichtiger Wachstumszweig für die Stadt, die sich wie einst und gewiß auch in Zukunft rühmen kann, das viertgrößte Finanzzentrum der USA zu sein. Ganz irisch hingegen ist der Ruhm, die US Großstadt mit der höchsten Lebensqualität zu sein. Ein Magazin erstellt alljährlich eine entsprechende Hitliste, in der alle Faktoren von Arbeitslohn über Wohnkosten bis hin zum Freizeitwert zusammengerechnet werden. Dank dieser Liste hat Pittsburgh nun einen neuen, großzügigen Slogan: "The Nr l City".

Der Stolz reflektiert sich symbolisch in den verspiegelten Glaswänden der Hochhäuser im "Goldenen Dreieck". Hier zeigt Pittsburgh, daß es wieder vorne mitspielen will. Teuer wird gebaut, aufwendig und bisweilen erschreckend geschmacklos. Ein eigentlich ansprechender Wolkenkratzerkomplex etwa wurde mit neogotischen Glastürmchen und zinnen verhunzt.

Die Bauwut darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß Pittsburgh - bei allem Grund für Optimismus - noch nicht aus dem Schlamassel raus ist. Die Arbeitslosenquote liegt über zehn Prozent und über dem nationalen Durchschnitt "Ein Generationsproblem", meint ein städtischer Offizieller, "wir können angelernte und ältere Stahlarbeiter nicht auf die Mikrochip Produktion umschulen. Da müssen wir durch, das dauert noch ein oder zwei Jahrzehnte "

Aber Pittsburgh hat aus der Vergangenheit und der einseitigen Abhängigkeit von Stahl und Kohle felernt. Die Stadt will sich nicht mehr auf ein Geiet festlegen, selbst wenn es so zukunftsträchtig ist wie High Tech. Das Kongreßgeschäft und der Tourismus sollen größere Unabhängigkeit schaffen, als Korsettstangen eines breitgefächerten Dienstleistungsgewerbes dienen.