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Der Anstoß kam von einem innovativen Außenseiter: Mit dem Nierensteinzertrümmerer hat der Luftund Raumfahrtkonzern Dornier der Medizintechnik einen kräftigen Impuls gegeben und damit die etablierten Firmen unter Zugzwang gesetzt.

Durch Zufall wurde vor neunzehn Jahren in Friedrichshafen am Bodensee entdeckt, daß der menschliche Körper Stoßwellen weiterleitet. Das war der Ursprung der Stoßwellentherapie und damit des Nierenlithotripters.

Die Stoßwellentherapie hat sich für Dornier und die neugegründete Tochtergesellschaft Dornier Medizintechnik als Volltreffer erwiesen. Sie ist eine mittelbare Frucht der Aktivitäten Dorniers auf seinem angestammten Gebiet, dem Flugzeugbau, und der damit verbundenen Forschung- und Entwicklungsarbeiten. Als eine medizintechnische Sensation machte der Nierensteinzertrümmerer die ganze Branche mobil. Bis heute sind damit bereits zehntausend Patienten von der Last ihrer Nierensteine befreit worden.

Wenn der medizintechnische Fortschritt nicht nur zu Kostensteigerungen führen, sondern die Behandlung im Gegenteil verbilligen soll, dann darf der Nierenlithotripter als "Musterbeispiel für die Kostendämpfung im Gesundheitswesen" gelten, lobt Hans Sitzmann, der Geschäftsführer des Landesverbandes der Ortskrankenkassen in Bayern.

Während der Patient bisher bei einer Nierensteinoperation drei Wochen im Krankenhaus bleiben mußte, senkt der Lithotripter die Verweildauer drastisch. Sitzmann rechnet vor, wie vorteilhaft sich dieser "Operationsersatz par excellence" bereits ausgewirkt hat: In 1763 Fällen, die bisher von den bayerischen Ortskrankenkässen registriert wurden, konnten mit der Stoßwellentherapie schon vier Millionen Mark gespart werden. Sitzmann ist auf diese Rechnung besonders stolz: Denn sein Verband mußte sich seinerzeit über Nacht entscheiden, für Umbaukosten im Münchner Klinikum Grpßhadern drei Millionen Mark auszugeben, damit der erste Lithotripter aufgestellt werden konnte.

Kaum war die Kunde an die Öffentlichkeit gedrungen, daß Dornier als nächste Stufe auch einen Gallensteinzertrümmerer in petto habe, der "noch viel mehr Ersparnis bringen" würde, so Sitzmann, da reisten bereits kolikengeplagte Bundesbürger kurzentschlossen an den Bodensee.

Doch für eine Behandlung damit ist es noch viel zu früh "Wir warnen vor jeglicher Euphorie", dämpft Nickolaus Becker, Geschäftsführer der Dornier Medizintechnik, die vorschnellen Erwartungen. Er weiß nämlich noch nicht, wann der Gallenlithotripter marktreif sein wird.

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Nach der Zulassung des Nierensteinzertrümmerers in den USA im Dezember kann Dornier voll auf Expansion schalten. Eine Tochtergesellschaft mit achtzig Mitarbeitern ist dort bereits gegründet. In diesem Jahr will man insgesamt nahezu hundert Geräte zum Preis von jeweils vier bis fünf Millionen Mark ausliefern und damit den Umsatz von 105 auf fast 500 Millionen Mark hochtreiben. Damit wird die neue Sparte ein rundes Viertel zum Gruppenumsatz von voraussichtlich zwei Milliarden Mark beitragen - und das mit einer Mitarbeiterzahl, die gegenwärtig bei 250 liegt und bis zum Jahreswechsel auf 400 gestiegen sein wird. Die für den Umsatz vergleichsweise geringe Mitarbeiterzahl wird durch die hohe Zulieferungsquote ermöglicht. So beträgt beispielsweise der Wert des erforderlichen Röntgensystems fast knapp die Hälfte der gesamten Anlage.

Diese Röntgeneinheit bezieht Dornier von der Philips Tochter Roentgen Müller in Hamburg. Keine Frage, daß sich vor allem Siemens, mit rund fünfzehn Prozent Marktanteil weltweit Nummer eins der Branche, besonders herausgefordert fühlt. Bei klassischen Röntgengeräten allein rechnet sich der Multi gar eine Quote von zwanzig Prozent aus - deutlich vor Philips und General Electric. Der Siemens Unternehmensbereich medizinische Technik in Erlangen hat der Partnerschaft zwischen dem Hamburger Rivalen und dem Newcomer Dornier "nicht tatenlos zugesehen", versichert der zuständige Produkt Manager Kurt Ziegler. Man beschäftige sich in Erlangen intensiv mit der Frage des Nierenlithotripters.

Durch den Einsatz einer "völlig neuen Technologie" hofft Siemens die Kosten auf die Hälfte senken zu können. Dabei gehe es nicht nur um den Gerätepreis, sondern noch mehr um die Senkung der derzeit auf ein bis zwei Millionen Mark jährlich geschätzten Betriebskosten je Installation. Mit rund 4 5 Milliarden Mark Umsatz in der Medizintechnik im letzten Geschäftsjahr - davon drei Viertel Ausland - ist Siemens "international der größte und umfassendste Anbieter von elektromedizinischen Geräten", stellt Vertriebsleiter Wolfgang Feindor fest. Vom gesamten Weltmarktvolumen in Höhe von 23 Milliarden Mark entfallen auf die Bundesrepublik rund zwei Milliarden Mark. Davon deckt Siemens mehr als die Hälfte des heimischen Marktes ab.

Rund zwei Drittel des Siemens Medizingeschäfts bringen die herkömmlichen Röntgendiafnostik sowie die Computertomographen und die ochmodernen Kernspintomographen, die Röntgenbilder mit Mikroelektronik ermöglichen. Siemens hat bisher 1500 Computertomographen weltweit ausgeliefert, deren Preis 2 2 bis 3 Millionen Mark beträgt. Siemens rangiert damit nach General Electric auf dem zweiten Platz. Etwa gleichauf liegen die beiden Konkurrenten bei den Kernspintomographen. Siemens installierte davon bis Ende letzten Jahres etwa fünfzig Stück. So sehr die Krankenkassen den Fortschritt des Lithotripters begrüßen, so wenig geheuer ist ihnen das unkontrollierte Vordringen der anderen Großgeräte - besonders das der Computertomogra , phen. Denn die Gerätemedizin verfuhrt zu immer höheren Diagnosekosten. Durch die Konkurrenz zwischen Krankenhäusern und den niedergelassenen Ärzten kommt es dabei, wie Sitzmann bedauert, immer mehr zu "Reibungspunkten". An sich könnten, so argumentieren die bayerischen Ortskrankenkassen, mit einem Computertomographen 300 000 Einwohner versorgt werden, so daß sich für ganz Bayern ein rechnerischer Bedarf von 37 Geräten ergäbe. Doch schon im Mai letzten Jahres wurden 56 gezählt. Vor allem der Münchner Markt gilt als übersättigt.

Die Kassen wollen deshalb gegen den Geräteboom angehen und gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung die weitere Expansion kontrollieren. Die Ärzte sollen verpflichtet werden, die Anschaffung oder Nutzung eines Großgeräts mindestens ein halbes Jahr vorher anzuzeigen und sich zu einem Beratungsgespräch bereitzufinden. Hält sich der Arzt nicht an die Empfehlungen, soll die Leistung nicht vergütet werden - so jedenfalls der Plan der Kassen.

Völlig unbeeindruckt von dieser Diskussion, hat sich auch Dornier Rivale Messerschmitt BölkowBlohm (MBB) in Ottobrunn bei München in der Medizintechnik engagiert. Das Unternehmen setzt vor allem mit Laser Geräten zur Tumorbehandlung etwa 25 bis 30 Millionen Mark um. Zum Einstieg in die Lasertechnik konnte sich Dornier indes bisher noch nicht entschließen.

Die Außenseiter zwingen die Marktführer der Medizintechnik aber zunehmend zu größerer Wachsamkeit und stimulieren ihren Forscherdrang. Zweifellos zählt die Medizintechnik deshalb zu den Zukunftsbranchen. Mikroelektronik und Lasertechnik leisten dabei Schrittmacherdienste. Aber Kostensteigerungen sollten nicht "mit dem medizinischen Fortschritt in unserem Gesundheitswesen heiliggesprochen" werden, meint Krankenkassenmanager Sitzmann.