Die Aktienhausse dauert mit gelegentlichen Pausen schon mehr als drei Jahre. In den letzten Wochen ist die Nachfrage nach Aktien noch einmal stürmisch gewachsen. Rennen die Käufer in eine Falle?

Es gibt nicht wenige Banken, die sich in ihrem Hause an der Meinungsbildung über die weitere Zukunft des deutschen Aktienmarktes nicht mehr beteiligen. Zu oft haben sie in den vergangenen Jahren das Ende der Hausse vorausgesagt und bisher sind sie immer durch die Realität widerlegt worden. Jetzt resignieren sie. So geht es nicht nur den Bankiers, sondern auch zahlreichen Vermögensverwaltern großer Versicherungen. Aus Furcht vor einem Ende der Hausse und vor dem dann zwangsläufig folgenden Rückschlag haben sie meist viel zu früh Kursgewinne realisiert und dann den Anstieg der Aktien für eine Weile an sich vorüberlaufen lassen, um letztlich doch wieder "einzusteigen". Dies nicht gerade mit dem besten Gewissen.

Haussegläubig sind in ihrer Mehrzahl immer noch die Analysten der Kreditinstitute. Sie stützen sich in ihrer Meinungsbildung einmal auf handfeste Daten, zum anderen aber auf Schätzungen und Annahmen, die weit in die Zukunft reichen. Dabei finden sie nach wie vor eine Art Traumkonstellation vor: spannungsfreie Konjunkturbelebung ohne Ausweitung der ohnehin niedrigen Inflationsrate, das Bemühen um die Eingrenzung staatlicher Neuverschuldung, Aussicht auf Steuerentlastung auch (und gerade) für die Wirtschaft, steigende Handels- und Leistungsbilanzüberschüsse und eine nun auch zunehmende Investitionsund Konsumbereitschaft, die als Antriebskraft anstelle des bisher konjunkturstützenden Exports treten können.

Nach den bisher vorliegenden Gewinnschätzungen, die von den Analysten der Banken für das Geschäftsjahr 1986 abgegeben worden sind, ist auch im kommenden Jahr ein Anstieg der Unternehmenserträge wahrscheinlich, wenn auch nicht mehr im bisherigen Tempo und von Branche zu Branche unterschiedlich. Vor diesem Hintergrund - so heißt es - sind die Kurse zahlreicher Standardaktien noch nicht ausgereizt.

Der Ansicht sind auch die ausländischen Käufer deutscher Aktien, ohne deren Aktivitäten die Hausse in den deutschen Börsensälen längst zusammengebrochen wäre. Die Ausländer, vor allem die Vermögensverwalter der großen nordamerikanischen und englischen Pensionsfonds, sehen die Aktienbewertung in der Bundesrepublik aus dem internationalen Blickwinkel heraus und haben dabei festgestellt, daß zahlreiche deutsche Aktienkurse noch vom "internationalen Standard" weit entfernt sind.

Natürlich spielte bei ihren Anlageüberlegungen auch die Aussicht auf Währungsgewinne durch Aufwertung der Mark gegenüber Dollar und Pfund eine Rolle. Indessen scheint sie weniger groß zu sein, als bisher angenommen worden ist. Denn die Nordamerikaner haben auch nach dem jüngsten Dollarsturz weitgehend an ihren deutschen Aktien festgehalten.

Voraussetzung für die größere Internationalität des deutschen Aktienmarktes war die in den letzten Jahren ständig besser gewordene Publizität der großen deutschen Unternehmen. Sie scheuten sich nicht, ihre Aktien in den USA, London und Tokio zu präsentieren oder die Wertpapierspezialisten der großen ausländischen Banken zu sich einzuladen, um ihnen "vor Ort" Rede und Antwort zu stehen.