1s Berlin, die Reichshauptstadt, unter Flä% chenbombardements loderte, als in der Stadt zahllosen Flüchtlingen Chaos und Untergangsstimmung herrschten, schwanden auch die Reste bürgerlicher Gesittung. Diebstahl und Postraub waren an der Tagesordnung - richtiger gesagt: an der Nachtordnung. Jugendliche Banden, ausgerüstet mit Hieb, Stich- und zum Teil sogar mit Schußwaffen, durchstreiften die Ruinen. Die Zerstörung des traditionellen Stadtbildes war durch die kriegerischen Ereignisse vollendet worden. Es bedurfte nicht mehr der Umbaupläne Albert Speers, die Jahre zuvor entworfen worden waren. Diese Pläne hatten vorgesehen, Berlin zu einer machtdemonstrativen Wüstenei werden zu lassen; pulsierendes, öffentliches Leben sollte absterben. Auch unter diesem Aspekt erläutert der Herausgeber des Bandes in seinem einführenden, kulturpessimistischen Beitrag das sich verändernde Verhalten der Berliner Bevölkerung seit 1933 bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Hinter der Fassade von Traditionsfreundlichkeit wurde seitens der nationalsozialistischen Führung in Wirklichkeit ein Vernichtungsschlag gegen überlieferte Weltvorstellungen, gegen Religionen, gegen jedwede geprägte Klassenkultur geführt. Der Bürger wurde kurzerhand zum Volksgenossen in der Volksgemeinschaft erklärt; wurde rücksichtslos politisch entmündigt; im öffentlichen Leben sollte er nur noch Statist, Zuschauer der Partei- und Polit Inszenierungen sein. Um diese Ziele durchzusetzen, wurde einerseits massiver Terror angewandt, andererseits griff man zu gewaltlosen Formen der Tyrannei.

Bei letzteren trat der Diktaturstaat als hilfreicher "Wohlfahrtsstaat" in Erscheinung, dem sich der Volksgenosse - offenbar eine Art neuer Mensch - anvertrauen sollte. Auf diese Weise war die Bevölkerung "einem ständigen Wechsel von fürsorglichen und drohenden Botschaften ausgesetzt". Letztendlich aber wußten die Machthaber — und setzten dies Wissen ein - daß <lie Masse eines Volkes zur Gleichgültigkeit gegenüber allem neigt, "was ihren unmittelbaren Vorteil nicht greifbar berührt".

Je grauenvoller sich das Kriegsgeschehen zuspitzte, um so stärker ging das Regime auf triviale Bedürfnisse seiner Untertanen ein. Das Narkosemittel "Unterhaltung hatte in den Medien vorzuherrschen. Wirkliche Tugenden, zu denen nun einmal auch kritisches Denken zählt, sollten "in einem Meer von Belanglosigkeit" ertränkt werden. Die Berliner Bevölkerung (und nicht nur diese) sah sich umfassender, obrigkeitlicher Dauerbeeinflussung ausgesetzt. Folglich begann sie sich in , private Bereiche zurückzuziehen, sich in ihnen abzukapseln. Spontanes Vertrauen, Zuwendung zum Mitbürger, zum fremden Nächsten, gab es nicht mehr. Das Risiko war groß geworden. Deshalb geriet die "Vertrautheit mit der Familie und Freunden zum eigentlichen Lebenszweck". Ein Merkmal jeder Diktatur.

Hans Dieter Schäfer beschließt seine einführende Argumentation: "Vielleicht wird nch der Lektüre der Augenzeugenberichte deutlich, daß der Untergang Berlins den Menschen nicht einfach geschehen ist, sondern daß der Katastrophe eine freiwillige Selbstausschaltung vorausgegangen war. Das Ansprechen, geheimer Wunschtriebe durch das NS System veranlagte den einzelnen, Unrecht als selbstverständlich hinzunehmen und gesunde Zweifel zu unterdrücken. Ohne den Kult der privaten Sphäre jedoch wäre diese Versteinerung nicht so umfassend gewesen. Auch heute halten in Berlin lokale Territorien für die Mittelschichten bzw die SED Bürokratie mit Eigenheimen und Appartementhäusern die Illusion einer überschaubaren Ordnung aufrecht "

Die vom Herausgeber ausgewählten Beiträge vieler Berichterstatter geben Einzelerlebnisse, Beobachtungen und Meinungen wieder. So soll die Angst der Berliner vor einem neuen Krieg seit der Niederlage von 1918 tief eingewurzelt gewesen sein. Sie schwemmte jäh hoch bei Beginn des Polenfeldzuges und bei Kriegsausweitung. Sie wurde kurzfristig von Siegesjubel unterbrochen. Doch stets hoffte man insgeheim, der Krieg ginge bald zu Ende. Unsinnigsten Gerüchten wurde Glauben geschenkt. In den nächsten Tagen würde Friede geschlossen, war ein solches Gerücht.

Die strenger gehandhabte Rationierung aller lebensnotwendigen Güter löste eine Jagd nach Nahrungs- und Genußmitteln, nach Heizmaterialien, Kleidung aus. Das "Organisieren", ebenfalls pure Lebensnotwendigkeit geworden, wurde vielen Menschen zur Manie. Zugleich flüchteten viele Menschen in vielfältig angebotene Vergnügungen, in die Welt des milden Scheins, in Erotik, in alkoholische Betäubung. Allgemeiner Niedergang der Moralwird auch in den "Augenzeugenberichten" festgestellt. Mit der Vernichtung von Eigentum und persönlicher Habe während des Bombenterrors, mit dem plötzlichen, freien Zugang zu Wohnungen, halbzerstörten und leerstehenden Häusern schwand das Bewußtsein von mein und dein. Die Kriminalität schnellte in die Höhe.