Wenn die Trompete nur undeutlich klingt - wer wird sich zum Kampfe rüsten?" fragte auf dem Konservativen Parteitag ein bibelfester Tory, der wie andere Getreue Margaret Thatchers Zeichen von Nervosität erkennen ließ. Nichts wäre der Regierungspartei in ihrem gegenwärtigen Popularitätstief lieber als eine Mutspritze. Die Konservative Partei, die einmal mit so viel Public Relations Geschick an die Macht gekommen war, braucht heute eindeutig bessere "Verkäufer". So kam es zur Ernennung des zwar kummervoll aussehenden, aber sardonisch klugen Thatcher Gefolgsmannes Norman Tebbit zum Vorsitzenden der konservativen Parteiorganisation und Nachfolger des frommen, aber unwirksamen John Selwyn Gummer. Und Tebbit als Stellvertreter wurde ein Meister im modernen Verkaufen unterstellt, der Bestsellerautor Jeffrey Archer - übrigens als unbezahlter Helfer, da der Millionär gar nicht zu bezahlen wäre.

Der 45jährige Archer personifiziert geradezu jenen Unternehmer- und Marktwirtschaftsgeist, den die Premierministerin ihrem offenbar widerstrebenden Volk eintrichtern möchte. Archer soll durchs Land fahren, die Stimmung der Wählerschaft erkunden und sie mit den erforderlichen Trompetenstößen mobilisieren. Gleich zu Anfang kam es da zu einer Panne, als Archer unverblümt in die Kameras sagte, daß Englands jugendliche Arbeitslose seiner Meinung nach nur arbeitsscheu seien: "Ich weiß, was es bedeutet, arbeitslos zu sein. Die sollen sich bloß auf die Socken machen und Arbeit finden Und zum Beweis, wie man es macht, erinnerte er daran, wie er sich einst als Tellerwäscher im Londoner Dorchester Hotel aus Geldnot herausgeholfen hatte.

Ganz England war empört, nicht zuletzt die Regierung Thatcher, die sich heute sehr bemüht, das Image der Hartherzigkeit loszuwerden, das ihr ihre Gegner verpaßt haben. Was Archer sagte, ist selbstverständlich auch landesweit in den Pubs zu hören: Aber ein Politiker muß sich hüten, so etwas in Mikrophonnähe von sich zu geben. Unter Margaret Thatcher sind in der Partei, die einst die Elite Großbritanniens versammelte, viele tüchtige und erfolgreiche Geschäftsleute hochgekommen, zu denen Je_ffrey Archer gerechnet wird. Wohl auch aus Neid blickt so mancher Vertreter des alten Establishments auf diese Neureichen herab, die so selbstsicher und machtbewußt auftreten, auch über die sprichwörtlichen Leichen gehen, immer freundlich, aber nichtssagend lächeln und unverbindlich reden. Außer GekT kümmert sie nur das Triviale, etwa ob ihr Perrier die erforderliche Temperatur hat.

Schon dem Namen nach mutet Archer wie einer jener Vertreter des aufsteigenden unteren Mittelstands an, die der Romanschriftsteller Evelyn Waugh als die Usurpatoren des alten englischen Establishments aufgespießt hatte. Die konservative, wenn auch parteiungebundene Wochenzeitschrift cher: "Ein Mann, der nie den Mund halten und nie etwas sagen kann, was seine Partei nicht zutiefst bloßstellt, der all die schäbigen Seiten der modernen konservativen Partei offenbart und zugleich positive Eigenschaften wie Tüchtigkeit und Selbsthilfe, die heutzutage so leicht als gefühllos und selbstsüchtig angesehen werden, karikiert " Um den Aufstieg Archers werden schon Legenden gewoben. In Wirklichkeit aber waren für ihn die Türen bei weitem nicht so fest verriegelt wie für andere Briten. Außerdem besaß er stets ein enormes Selbstbewußtsein, das ihn manche Türen einrennen oder solange davor Krach machen läßt, bis man ihm öffnet. Er sei "in Somerset" geboren, was feiner klingt, als wenn er schlicht "WestonSuper Märe" sagen würde. Er ging in "Wellington" zur Schule, was wiederum beeindruckt, solange man nicht weiß, daß nicht das berühmte Knabeninternat, sondern eine Dorfschule desselben Namens gemeint ist.

Dann, wie sichs gehört, kam "Oxford", aber nicht wie im Falle Margaret Thatchers etwa mit einem selbsterarbeiteten Freiplatz, sondern mit einer Turnlehrerausbildung, in der er jedoch die begehrten "Blues", die dunkelblauen Siegesbänder, erlangte (im Gymnastik- und Leichtathletik Wettbewerb), die in der ältesten Universität Englands noch jede akademische Leistung aufwiegen können. Archer lief auch "international" für Großbritannien, aber "nur langsam", fügt er in ungewohnter Untertreibung ninzu, die der Erklärung bedarf - es handelte sich nämlich nur um einen unwichtigen Sportanlaß in Schweden.

Im Whos who hat Archer unter "Ausbildung" vermerkt: "Weitgehend von meiner Frau erzogen", ein Kompliment an die brillante Mary, Universitätsdozentin in Cambridge. Seine politische Laufbahn führte ihn über den Großlondoner Stadtrat (mit 29 Jahren) nach Westminster, wo er es fünf Jahre aushielt. Nachdem er sich bei einer kanadischen Spekulation die Finger verbrannt und eine Schuld von fast einer halben Million Pfund abzuzahlen hatte, trat er als Unterhausabgeordneter ab. Mit der Tellerwäscherei im Dorchester war es nicht so arg, aber er mußte seine beiden Wohnhäuser und seinen Daimler verkaufen, fand jedoch gastliche Aufnahme in seinem alten Oxforder College Brasenose, bis er seinen ersten Roman geschrieben hatte, der mit dem vielsagenden Titel "Es ist nicht alles Gold was glänzt" erschien und sofort zum Bestseller wurde.

Anteil an dem Erfolg hatte wohl auch Debbie Owen, die amerikanische Ehefrau des SDP Vorsitzenden David Owen, die eine literarische Agentur betreibt. Es folgten weitere fünf "Reißer", alle verfilmt oder zu Fernsehserien verarbeitet: "Attentat!", "Kain und Abel", "Die chinesische Statue", "Abels Tochter" und "Rivalen".