Aus den Worten des 69jährigen Rudolf August Oetker spricht väterliche Nachsicht. "Er hat es doch viel schwerer als ich damals", gibt er unter Hinweis auf die unternehmerische Bürde zu bedenken, die er seinem ältesten Sohn August, 41, auf die Schultern gepackt hat. Damals, das war unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, als der gerade 29jährige für den 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben gekommenen Stiefvater das Kommando über die Dr. Oetker Nährmittelfabrik in Bielefeld übernehmen mußte. Damals, das war in der großen Aufbruchsstimmung nach der Währungsreform, als der gelernte Bankkaufmann das bis dahin noch ganz auf Artikel wie "Backin" und Dr. Oetker Puddingspulver, "Gustin Speisestärke" und "Vanillin Zucker" beschränkte Unternehmen zu einem breit diversifizierten Konglomerat aus Lebensmittelwerken, Brauereien, Sektkellereien, Banken, Versicherungen, Hotels, Handelsbeteiligungen und Fischfangflotte ausbaute.

"Wann sprechen wir heute noch von der ganz großen zündenden Idee", denkt seinerseits der Nachfolger etwas wehmütig an die Wirtschaftswunderjahre zurück "Wir drehen an vielen kleinen Schräubchen und wissen sehr genau, wie viele Umdrehungen wir riskieren können! Das ist sehr viel unattraktiver, als ein großes Unternehmen zu kaufen "

Das sind Bekenntnisse eines Sohnes, der heute auf fast vier Jahre als persönlich haftender Gesellschafter der Dr. August Oetker KG zurückblickt. Immer lauter fragen externe Beobachter, aber auch Mitarbeiter nach dem Kurs, den der an die Spitze des ostwestfälischen Familienimperiüms getretene Jung Unternehmer steuert. Sie suchen Konturen, Profil, die unverwechselbare "Philosophie" des Nachfolgers.

August Oetker glaubt, daß diejenigen, die ihn nach solchen Maßstäben messen, zuviel von ihm erwarten. Daß er in der Presse hin und wieder als "Konzernchef" vorgestellt wird, erscheint ihm als verräterisches Indiz dafür, daß manche seine tatsächliche Stellung überbewerten. Rein rechtlich gesehen ist der Gründerenkel auch nur einer von vier Komplementären: Seit der Umwandlung der Einzelfirma in eine Kommanditgesellschaft sitzen ihm die langjährigen Generalbevollmächtigten und engen persönlichen Vertrauten seines Vaters Guido Sandler, 57, Rudolf Stelbrink, 61, und John Henry de La Trobe, 62, als persönlich haftende Gesellschafter zur Seite.

Wenn sich das Komplementär Kleeblatt einmal pro Monat zu einer Sitzung versammelt, ist nicht nur - als weiteres Mitglied der Gruppenleitung der Generalbevollmächtigte Dieter Holzinger dabei, sondern noch ein Sechster: Vater Rudolf August Oetker, der sich als einziger Kommanditist ins Handelsregister eintragen ließ.

Seinem Wort verleiht eine weitere Funktion zusätzliches Gewicht: Der Senior ist nämlich - ein Kursiosum - einziges Mitglied des von ihm gegründeten Beirats der KG. Sohn August interpretiert das Monats Meeting denn auch als Zusammenkunft "ähnlich einer Sitzung von Vorstand und Aufsichtsrat in einer AG". In seiner Rolle als Alleinkontrolleur hat sich Vater Oetker nämlich die letzte Entscheidung in wichtigen Angelegenheiten noch immer vorbehalten - etwa bei Investitionen in neue Märkte, die ein Volumen von einer Million Mark überschreiten.

Auch rein äußerlich erscheint der Machtübergang auf die nächste Generation noch nicht endgültig vollzogen. Wie eh und je amtiert Rudolf August Oetker ein Stockwerk unter seinem Sohn in dem museal eingerichteten Eckzimmer, in dem schon sein Großvater gearbeitet hatte. Auslandstöchtern pflegen Vater und Sohn, wenn die Termine passen, gern gemeinsam einen Besuch abzustatten. Und selbst die Journalisten müssen bei den alljährlichen Bilanzpressekonferenzen den genüßlich an seiner Pfeife ziehenden Alten nicht missen. Unumschränkt entscheiden kann der Junior nicht einmal da, wo er nach außen hin die Nummer eins ist: als Vorsitzender der Geschäftsführung der Gruppenfirma Dr. August Oetker Nahrungsmittel. Ein eigener Beirat überwacht das unter dem Dach dieser Gesellschaft zusammengefaßte Lebensmittelgeschäft mit einem Umsatzvolumen von über 1 2 Milliarden Mark. Vorsitzender des Beirats: Guido Sandler. Der Topmanager, Oetkers Motor vor allem in der Wachstumsphase der sechziger Jahre, hat damit zumindest einen Teil seines Einflusses auf höherer Ebene wiedergewonnen, den er durch die Übertragung der Geschäftsführung im Lebensmittelbereich auf den jungen Oetker verloren hatte.