Nichts zum Nachschlagen, erst recht keine Naturphilosophie unseligen Angedenkens: Sir Peter Medawar und seine Frau Jean Medawar haben ihr "Philosophisches Lexikon der Biologie", das 1983 bei der Harvard University Press erschien, zum Schmökern bestimmt "Philosophisch ist es nur in dem häuslich behaglichen Sinn, daß es gemächlich, entspannt und versonnen ist Und so kenntnisreich wie witzig. Denn Sir Peter, 1915 in Rio geboren, Mediziner, Biologe, Träger des medizinischen Nobelpreises 1960 (für seine Arbeiten über die Immunreaktion bei Gewebetransplantationen), von 1962 bis 1971 Direktor des britischen Nationalinstituts für medizinische Forschung - Sir Peter ist der seltene Glücksfall eines Naturwissenschaftlers, der schreiben kann, luzide, pointiert, vergnüglich. Von den 175 Artikeln seines Lexikons werden wir in den nächsten Wochen und Monaten etwa 30 abdrucken, einige leicht gekürzt. Das Ganze erscheint au deutsch dann im nächsten Frühjahr im Piper Verlag, München.

A ristoteles war ein Mann der Wissen schaft im modernen Sinne. Er war JLein sorgfältiger Sammler und Beobachter von ungeheuer vielfältigen Fakten . Vieles in seinem Werk wird von Wissenschaftlern, die sich darauf einlassen, noch immer mit Respekt betrachtet Diese beiden Sätze des Humanisten G. L. Dickinson verraten ein fast grandioses Unverständnis gegenüber dem Charakter der Naturwissenschaft und dem aristotelischen Einfluß auf die Wissenschaft im modernen Sinne. Ein Wissenschaftler ist ebensowenig ein Sammler und Klassifikator von Fakten, wie ein Historiker jemand ist, der die Daten von großen Schlachten und dergleichen chronologisch zusammenstellt und klassifiziert.

Wenn wir uns den biologischen Werken des Aristoteles zuwenden, so erfahren wir aus der "Historia animalium", daß es Fische und Vögel von vielerlei Art gibt; daß manche Tiere im Meer und andere auf dem Land leben; daß einige beweglich und andere unbeweglich sind; daß Vögel und Bienen Flügel, andere Tiere Beine haben. Ferner seien manche Geschöpfe zahm und manche wild, manche seien, wie der Mensch und der Maulesel, zu jeder Zeit zahm, während andere, so der Leopard und der Wolf, zu jeder Zeit wild seien; und manche Geschöpfe, wie der Elefant, ließen sich rasch zähmen. Manche Tiere gäben Laute von sich, andere seien stumm. Daran ist schwerlich Anstoß zu nehmen, doch an anderer Stelle gewinnen Gerücht und Geschwätz die Oberhand: Manche Vögel seien besonders "geil", wie das Rebhuhn, der Haushahn und deren Artverwandte; andere neigten zur Keuschheit, so der gesamte Stamm der Krähen, denn Vögel dieser Art "geben sich nur selten dem Geschlechtsverkehr hin". Manche Tiere seien gutartig, andere grausam, wieder andere niederträchtig und tückisch; aber der Löwe sei vornehm und edler Herkunft.

Die biologischen Werke des Aristoteles sind ein sonderbares und, allgemein gesagt, ziemlich langweiliges Gemisch aus Gerüchten, unvollständigen Beobachtungen, Wunschdenken und einer Leichtgläubigkeit, die geradezu an Dummheit grenzt. Was für empirische Befunde mögen Aristoteles zu der Ansicht gebracht haben, daß der Samen junger Männer zwischen der Pubertät und dem Alter von einundzwanzig Jahren "der Fruchtbarkeit entbehrt" und daß junge Männer und Frauen Nachkommen zeugen, die im Wachstum zurückbleiben und mit Fehlern behaftet sind?

Es fällt schwer, nicht mit jenen Vertretern der neuen Wissenschaft des 17. Jahrhunderts zu sympathisieren, die sich gegen die Lehrautorität solcher Behauptungen auflehnten und sie verwarfen.

Es ist kaum zu bezweifeln, daß sich die Aristotelische Auffassung, Dichtung sei der Geschichte überlegen, weil sie offenbare, was sein solle (nicht, was ist), auch auf die Naturwissenschaft erstreckte - und aus dieser Sicht werden einige seiner besonders befremdlichen Irrtümer verständlich. So war Aristoteles zum Beispiel ein entschiedener Anhänger der Hebdomadalregel, nach der alles in Siebenereinheiten auftritt. Der Mensch hat sieben Lebensalter, die jeweils sieben Jahre dauern, und daher weiß jeder, der die Natur wirklich versteht, daß der menschliche Same im Alter von vierzehn bis einundzwanzig Jahren unfruchtbar sein muß - denn würde Fruchtbarkeit in dieser Zeit nicht der Hebdomadalregel zuwiderlaufen? Auf diese Weise wurde das, was sein sollte, zu dem, was ist. Natürlich hat Aristoteles gelegentlich auch recht; seine Schriften waren derart umfangreich, daß er kaum umhin konnte, manchmal auch etwas Richtifes zu sagen. So verkündet er mit Nachruck, der Same der Äthiopier sei gar nicht schwarz, und er schilt Herodot, weil dieser das annahm.

Wir glauben nicht, daß derjenige, der beschließt, die Werke des Biologen Aristoteles nicht zu lesen, Gefahr läuft, geistig zu verarmen.