Erst nach langem Hin und Her hatte sich Köln dazu durchringen können, den lebenden einrich Böll zum Ehrenbürger zu ernennen. Um so fixer soll der Verstorbene nun ins Stadtbild eingeschrieben werden: Ein Platz oder eine Straße soll nach ihm benannt werden, wie es auch bei anderen Kölner Berühmtheiten der Fall war, Konrad Adenauer oder Kardinal Frings. Guter Wille reicht aber für derlei Ehrungen in der Regel nicht aus; will man nicht einen belanglosen "Tulpenweg" weit draußen in den Vorstädten umtiufen, stößt man in der Innenstadt immer schon auf alteingeführte Prominenz oder volkstümliche Anhänglichkeit, die nur unter Protest zu tilgen sind. Zuständig für die Straßenfindunj ist die Bezirksvertretung Innenstadt. Denn Heinrich Böll ist in einem südlichen Innenstadtbezirk geboren und aufgewachsen, im Kakao Geruchsfeld der Stollwerck Schokoladenfabrik. In einem nördlichen City Viertel entstanden seine ersten Werke. Dort hitten sich passende Straßen finden lassen - die Agneskirche "Trümmerliteratur" schrieb. Doch dts sind eben nur bescheidene Nebenstraßen, mit dem Kolorit eines kölschen "Veedel", nicht repräsentativ genug für eine Nominierung.

"Frei" schien dann der Appellhofplatz zu sein, eine bekannte Adresse, zentral gelegen, mit eigener U Bahn Station, kaum zu übersehen "An die Staatsanwaltschaft Köln, Heinrich Böll Platz" dts klänge fast wie ein postumer Schachzug des Jtstizkritikers Böll gegen die von ihm mehrfach attackierte "Klassenjustiz", mitten in der Höhle des Löwen sozusagen. Auch "An das WDR Femsehen, Heinrich Böll Platz" wäre nicht schlecht ein gehässiges Memento von Absendern des "Rotfunks" an bayerische Kollegen, die Böll 1977 für nicht sendefähig erklärten.

Doch zu derlei postalischen Pikanterien wird es nicht kommen. Denn die Justizbehörden legten Einspruch ein, nicht weil sie etwas gegen Böll haben, sondern - wie historisch kundige Richter zu bedenken gaben - weil der Appellhofplatz ein gewachsenes Stück lokaler Historie darstellt, das man nicht bedenkenlos opfern sollte. Der Appellhofplatz verdankt seinen Namen (und damit die über jeden Zweifel erhabene Orthographie) nämlich dem "Königlich Rheinischen Appellationsgerichtshof", eine Berufungsinstanz mit Laienbeteiligung im frühen 19. Jahrhundert, die dem Rechtsstaat eine Bresche schlug und freiheitlichen Franzosengeist ins preußisch besetzte Rheinland wehen ließ. So eine wertvolle Perle deutscher Justizgeschichte wollte man auch Heinrich Böll nicht opfern. Nicht nur Juristen stellten sich schützend vor "ihren" Platz, der sich damit gar nicht als "frei" entpuppte. Oberbürgermeister Norbert Burger (SPD) schloß sich dem Protest an; ein neuer Platz mußte gefunden werden.

In Form von Leserbriefen und Eingaben beteiligten sich auch die Kölner an der Namenssuche nicht immer ganz ernsthaft. Einer plädierte dafür, gleich ganz Köln in "Bölln" umzutaufen; ein anderer machte sich für den phonetischen Kompromiß "H -Böll Hof Platz" stark.

Oberbürgermeister Burger hatte einen listigen Alternatiworschlag parat: einen Platz, den es noch gar nicht gibt und der damit niemandes Empfindlichkeit anrührt. Es handelt sich um die Baustelle vor dem in einigen Monaten fertigzustellenden "Museum Ludwig"; bis der Platz selbst überhaupt als solcher zum Vorschein kommt, dürfte es wohl noch Jahre dauern. Abgesehen davon, daß Böll für protzige Museumsbauten nicht viel freundliche Worte fand, hat diese Lösung den Vorteil, der eingeleiteten Nominierungsprozedur die hektische Eile zu nehmen.

Die Bezirksvertretung schaltete jedoch auf stur; mit rot grüner Mehrheit wollte sie dem "A Platz" (Verwaltungsjargon) an den Namen. Doch schließlich versagten sich die Grünen. Sie waren sauer, weil die regierenden Sozialdemokraten Hausbesetzern den Strom abgeschaltet hatten. Der Versuch, Heinrich Böll eine letzte Ehre zu erweisen, droht nun zu einer Farce zu werden, für die der Dichter selbst als Autor in Frage gekommen wäre. Die närrische Saison steht ohnehin kurz bevor. Claus Leggewie