Ehe in der Krise, Liebe ohne Lust, Familie kaputt - die Zeitungen sind voll davon, die Magazine und Illustrierten. Artikel zum Thema würden regalweise Aktenordner füllen. Bücher gibt es jede Menge. Allein in der Handbibliothek der staatlichen Hamburger Eheberatungsstelle stehen 238 Exemplare. Die Titel sprechen Bände: "Psychologie der Partnerwahl", "Die Zweierbeziehung", "Wir wollen es besser machen", "Geben und Nehmen in der Ehe", "Das Paar in Erwartung", "Impqtenz und Anorgasmie", "Warum sich gleich scheiden lassen?", "Streiten verbindet", "Scheiden tut weh".

Eheberatung ist zu einem expandierenden Gewerbe geworden: Vor zehn Jahren beriet die Caritas in Hamburg rund 200 Eheleute jährlich. Heute sind es 1200 - und die Hälfte der Ratsuchenden muß weggeschickt werden.

Die Beratungskultur begann vor vier Jahrzehnten mit der Erziehungsberatune. Die tiefenpsychologische Einzeltherapie blühte auf mit den neuen Techniken der Verhaltenstherapie, dann kam die Gruppendynamik, die Kommunikationsund Familientherapie. Die Zweisamkeit als solche sah lange Zeit niemand als Problem. Dies hat sich grundlegend geändert. Die Ehe ist gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt, und davon gab es in den vergangenen vierzig Jahren mehr als genug: die Gleichberechtigung, die Empfängnisverhütung, die liberalisierte Sexualität, die Technisierung, welche die körperliche Kraft des Mannes unwichtig macht.

Flexibel soll der Mensch sein: im Beruf und in der Wahl seines Wphnortes; konsumieren kann er, was er will; er kann, wohin er will, in Urlaub fahren. Er hat die freie Wahl. Und bei aller Veränderung soll eines konstant bleiben: der Ehepartner? Neue Ansprüche entstehen, alte Aufgaben verschwinden. Die Ehe ist keine Schutz- und Trutzgemeinschaft gegen äußere Wirrnisse mehr wie vor hundert Jahren. Seit es die Sozialversicherung gibt, braucht es keine vielen Kinder mehr, die für das Brot der alten Tage sorgen müßten. Die Haushaltstechnik macht das Junggesellendasein problemlos. Der Status der Ehe hat gelitten, Single zu sein, ungebunden zu sein, zählt bald mehr. Was bleibt da übrig an Funktion für die feste Form zwischen Mann und Frau? Nur das nackte Gefühl. Der Schriftsteller Botho Strauß in "Paare, Passanten": "Für uns in den Städten, uns Mobile, Beschleunigte und Mischkläßler, entscheidet sich die Partnerwahl in einem, freien Spiel von anziehenden und abstoßenden Kräften, je nach Lust und Laune und dem Angebot der Reize Alleinbestimmend ist, was gerade der Seele gefällt und es gefällt ihr schon gleich nicht mehr, wie man weiß, denn sie ist ja der Hort des Gegenwendigen schlechthin "

Nach einer Untersuchung des Hamburger Statistischen Landesamtes wurden 1982 bereits 40 6 Prozent aller Haushalte der Hansestadt von Alleinstehenden gebildet.

Wie geht es nun zu, wo Mann und Frau noch zusammen sind? Grundsätzlich gilt: Die Ehe ist eine block box, von außen nicht einsehbar. Das Private wird öffentlich erst, wenn das Glück vorbei ist: Von Richtern, Scheidungsanwälten, Gynäkologen, Psychiatern und Frauenhäusern bekommen die Eheberater ihre Klienten zugewiesen. "Und wir werden von der Polizei oft eingeschaltet", ergänzt die Hamburger Eheberaterin Adelheid Kirschninck, "wenn sich Eheleute mitten in der Nacht den Kopf spalten "

Aufschlußreich sind die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, die Matthias Krause, Absolvent der Hamburger Fachhochschule für öffentliche Verwaltung, in der Zeitschrift Deutsche häuften sich in der Zeit von 15 bis 3 Uhr. Innerhalb dieser Zeitspanne traten sie zwischen 21 und 3 Uhr besonders häufig auf. Das Ansteigen der Streitigkeiten ab 21 Uhr liegt wohl darin, daß sich die Familienmitglieder erst am Abend zusammensetzen. Der in den Abendstunden vielfach verstärkt auftretende Alkoholkonsum bewirkt, daß die Erregbarkeit der Betroffenen gesteigert und dadurch die Streitwahrscheinlichkeit erhöht wird "