Dieser Mund! "Item zwei Lippen, blasses Rot" - die nicht verkniffen dünn, wie harte Striche, sind, die auch nicht fleischlich aufgeworfen Wollust andeuten. Der ganze Mund ist nicht kußmäulig schmal und auch nicht eine Spur zu breit: ganz einfach Lippen par excellence, der Prototyp des Mundes einer Frau Die Stirn ist nicht flach und nicht zu hoch. Kein Phidias, kein Michelangelo hätten hier der Natur noch idealisierend nachgeholfen. Die beiden Hälften ihres Gesichts könnten fast vollkommen symmetrisch genannt werden, wäre da nicht diese linke Augenbraue, die die männliche Raserei noch verstärkt. Sie signalisiert Aufmerksamkeit, hüpft beim Lachen lustig auf und nieder, deutet Koketterie, Mißtrauen oder Unwillen an, verrät Konzentration. Eine sehr deutlich und differenziert sprechende Augenbraue, die mit ihrem rechten Pendant einen unübersehbaren, wenn auch manchmal etwas düsteren Akzent in dieses schöne Gesicht setzt.

Dos FAZ Magazin vom 18. Oktober 1985 über Ein bewegtes, ein bewegendes Leben: Stillstand gab es für ihn nie "Ich habe mich von einem sehr Konservativen Menschen zu einem fortschrittlichen Menschen und am Schluß zu einem revolutionären Menschen entwickelt Diese Selbsteinschätzung gab der 92jährige Kirchenmann Martin Niemöller kurz vor seinem Tod im März des vergangenen Jahres. Und - das beweist ein Dokumentarfilm, der gerade in unseren Kinos angelaufen ist - diese Selbsteinschätzung stimmt. Die herrschende Meinung: sie war für ihn nie Richtschnur. So war es nur zu verständlich, daß ahm, nach einer kurzen Phase der Zustimmung, Hitlers Herrschaft zuwider war. Sieben Jahre Gefangenschaft in Sachsenhausen und Dachau waren die Folge. Auch für das Nachkriegsdeutschland war er ein unbequemer, ein mahnender Mann der Öffentlichkeit. Für Niemöller stand, ob er nun als Pfarrer in BerlinDahlem, als Kirchenpräsident von Hessen Nassau, als Präsident der Deutschen Friedensgesellschaft oder als Mitinitiator des "Krefelder Appells" agierte, immer die Frage im Vordergrund: "Was würde Jesus dazu sagen?" Hannes Karnick und Wolf gang Richter (beide Jahrgang 1947) machten sie zum Titel ihres Films. Pastor Niemöller war ein ehrenwerter, ein verehrungswürdiger Mensch, der dem Film mit Alterswitz und Weisheit Lebendigkeit verleiht.

Da hat nun die gute Literaturwissenschaft zwanzig Jahre lang gekämpft, hat die Gipsköpfe vom Regal geholt, in Homer den Karl May und im Karl May den Homer entdeckt, den Literaturbegriff erweitert, bis auch die Beschriftung der Ölsardinendose zum klassischen Zeugnis menschlicher Schöpferkraft wurde - und was passiert? Rums, da sind sie wieder, unsere Klassiker. Goethe und Schiller und Raabe in Echtgold und Schweineschwarte. Bei Suhrkamp und Hanser, bei Beck und bei Winkler - überall wirbt man im Zeichen Walhallas, und rieselt der Gips auch schon aus den Katalogen, das Buchgeschäft der "postmodernen" Achtziger ist eröffnet. Erschütternd zu sehen, daß nun auch Deutschlands einziger und echter Klassikerverlag, der Stuttgarter ReclamVerlag, mit in den Ring steigt. Reclams "Leseklassiker" werden da angeboten, hübsch gebunden, mit schnuckeligen Ex Libris Schildchen, im "flexiblen Schmuckschuber". Oh, Graus! Wie lieben wir sie, die wahren, die echten, die unübertrefflichen Reclam Hefte, die legendäre Universalbibliothek. Wo gibt es das auf der Welt, daß man für 2 30 DM die Gedichte eines apokryphen Barockdichters kaufen kann, ein Drama der Gottschedin, eine Anthologie Laurentius von Schnüffis, Kawabatas "Tänzerin von Izu" - in mustergültigen Editionen? Das ist der erweiterte Literaturbegriff, das ist Klassik! Doch jetzt: "Ausgewählte Titel der Weltliteratur für Sammlerinteressen wie für Geschenkzwecke" und: "wertbeständig". Reclam, quo vadis?