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Berlin verdankt ihm seine berühmten Siedlungen Eine Erinnerung zum Hundertsten

Von Christian Farenholtz

Der Krieg war zu Ende. Im Rathaus Schöneberg saß der Stadtbaurat von Berlin-Schöneberg, Martin Wagner, 33 Jahre alt. Vorher, von 1914 bis 1918, hatte er im "Zweckverband von Groß-Berlin" die Probleme der Millionenstadt kennengelernt, nun, nach 1918, stellte er sich ihnen in politischer Verantwortung: Wohnungsnot. Die an sich schon schrecklichen Wohnverhältnisse in den Mietskasernen der Arbeiterviertel hatte der Krieg noch dramatisch verschärft: Flüchtlinge und Kriegsheimkehrer, ohne Arbeit, ohne Geld, drängten in die Stadt.

Im Zentrum des Denkens dieses jungen Stadtbaurates stand die Not dieser Menschen. Viele Wohnungen, billige Wohnungen waren notwendig. Schnell. Das Klassische System der Bauwirtschaft zwischen Auftraggebern, Zwischenunternehmern, Ausführenden, zwischen Eigentumsrecht, Finanzierung und Subvention hatte versagt – hatte den Zustand der Städte erst produziert: Die unmenschliche Mietskasernenstadt des 19. Jahrhunderts ist die Stadt der Liberalisierung von Grundstücksnutzung und Wohnungsmarkt.

Martin Wagner formuliert drei Ansätze, die furchtbare und existentielle Not der Menschen zu steuern:

  • Wohnungsbau in größeren Einheiten: das muß zu niedrigeren Kosten für jede einzelne Wohnung führen. Auf diese größeren Vorhaben soll die Subvention aus der Hauszinssteuer konzentriert werden – das drückt dann sogar allgemein auf die Grundstückspreise;
  • Industrialisierung und Serie im Massenwohnungsbau – das bedeutet: mit dem wenigen Geld mehr Wohnungen zu bauen;
  • eine neue Bauwirtschaft – soziale Baubetriebe "mit Profitbeschränkung" – Bauhütten als Konkurrenz der privatwirtschaftlich organisierten Bauunternehmungen.

Aktivitäten eines Stadtbaurates? Heute scheint das schon etwas seltsam. Aber: Hier liegt für ihn das zentrale Problem der Stadt. Und er geht es zentral an. Er verläßt – heute kaum denkbar – den Stadtbauratsstuhl im Rathaus Schöneberg und wird selber. Chef des Verbandes jener sozialen Baubetriebe (1920). Ein Jahr später – die Bauhütten brauchten einen verläßlichen Auftraggeber, einen sozial engagierten Bauherren – wird Wagner Initiator und Direktor der DEWOG, der Wohnungsfürsorge-Gesellschaften der Gewerkschaften: "Jeder Arbeiter, jeder Gewerkschafter wendet sich in Wohnungsfragen an, die DEWOG – an sein Unternehmen – und die schafft vorbildliche Wohnungen für die arbeitende Bevölkerung."

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So ist dieser Mann einer der Initiatoren des Gewerkschafts-Wohnungsbaus. Heute – es ist bitter, wenn man sieht, wie sich die Idee, die Philosophie solchen Unternehmens entwickelt hat: vor sechzig Jahren vom Engagement und Idealismus, von der Leidenschaft einer sozialen Wohnungsreform getragen –, heute heißen die Stichworte: mehr Markt im Wohnungswesen und "Neue Heimat". Gegensätze.

Aber hier soll ja von Martin Wagner die Rede sein, weil er im Jahr 1985 hundertsten Geburtstag hätte. Und so ein Erinnerungstag sollte schon Anlaß sein, heutige Probleme, heutige Gedanken am historischen Vorgang deutlicher zu machen.

Als Chef der DEWOG hat er seine Ansätze verwirklicht, hat die bei allen heutigen Architekten, bei allen Kunstbeflissenen hochgerühmte Siedlung in Berlin-Britz, die Hufeisensiedlung, initiiert, hat mit Ernst May (später Frankfurt am Main), mit Walter Gropius (dem Ziehvater des Bauhauses in Weimar und Dessau) und mit Bruno Taut, dem Architekten der Hufeisensiedlung eine "Kopfgemeinschaft" gegründet. Heute würden wir von Forschungsinitiative oder Forschungsbeirat sprechen; vergeblich allerdings würden wir ein derart hochkarätiges Gremium suchen.

Der Stadtteil Britz in Berlin, das sollte das erste große Beispiel für das rationalisierte Großbauvorhaben sein, die "Kopfgemeinschaft" sollte die formalen, konstruktiven und bauwirtschaftlichen Probleme für Planung und Bau von Volkswohnhäusern lösen.

1926 wurde Martin Wagner Stadtbaurat von Großberlin, er war es bis 1933. Der Stadtbaurat einer Weltstadt – nicht Rathausbaumeister, Alles-Baumeister (wie Schinkel), sondern leidenschaftlich, innovativ und kompromißlos im Engagement für den – heute würden wir sagen: sozialen Wohnungsbau. Er geht das Thema Komplex an: Rationalisierung von Planen und Bauen, Neuorganisation des Bauens, der Bauwirtschaft und der Bauträger. Er ist daneben ein qualifizierter Architekt, beteiligt nicht nur an der Hufeisensiedlung, sondem auch an der Siemensstadt, am Berliner Messegelände.

Die Revolution von 1918 mag im Politischen gescheitert sein – die politische Kunst Städtebau nahm den Traum der Revolution, den Traum der Sozialisten als gestaltprägende Realität; die Exponenten der politischen Kunst Städtebau handelten danach, jeder nach seinem Temperament,

Da war Ernst May in Frankfurt, der mit Ferdinand Kramer und den anderen Frankfurter Freunden eine neue soziale Baukultur schuf, zukunftsweisend die Siedlungen – Römerstadt, Zickzackhausen –, die Frankfurter Küche, Schritt aus der Miefzelle der Mietskaserne in ein neues Wohnen –, neu die Möbel, Öfen, Geräte für die "Volkswohnung". May ging Ende der Zwanziger nach Rußland – und scheiterte in Rußland,

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Bruno Traut war Anfang der zwanziger Jahre Stadtbaurat in Magdeburg; später arbeitet dort im gleichen Geiste, mit ähnlichem Engagement Johannes Goederitz.

In Hamburg und Altona gab es Fritz Schumacher und Gustav Oelsner. Bedeutend wurde Schumachers Pionier-Siedlung in Langenhorn: für den sensiblen Künstler Oelsner mag ein Photo von 1921 sprechen, das ihn im Abstimmungskampf bei einer leidenschaftlichen Rede vor dem Rathaus in Kattowitz (Oberschlesien) zeigt,

Martin Wagner ist, wie seine Freunde, lebendige Zeitgeschichte: Er wird geprägt von seiner historischen Situation, nutzt sie, treibt sie, verändert.

Die zweite Chance: ungenutzt

Wir errichten Denkmäler und erzählen Vergangenes zumeist nicht, um einfach nur Vergangenes zu erzählen, sondern wir tun es, um Gegenwart zu erklären, Denkangebote zu machen, dem Denken einen Stoß zu geben.

Wagner, May, die Brüder Taut gestalteten den historischen Aufbruch von 1918, verstanden ihn als eine Chance zum Neubeginn. War nicht auch 1945 der Augenblick eines historischen Aufbruchs, Chance für einen neuen Anfang? Wahrscheinlich unterschätzen die Heutigen die alle Kontinuitäten abbrechende Wirkung der Afterrevolution des Nationalsozialismus. Der Zusammenschluß von ausgehöhltem Nationalkonservativismus und Sozialmanipulation hatte im Ergebnis alle Verbindungen aus der Geschichte zerstört.

Nicht die Achsen und die Kuppeln und Säulen sind daher nationalsozialistischer Städtebau, sondern der Bruch mit dem Bestehenden bestimmt die Stadtentwicklung. Der für das Neue notwendige Abbruch am besten alles Bestehenden zeigt das Stadtbild jenes Massenwahns. Nicht Speers Architektur ist NS-Stadtbaukunst, sondern die wirkliche und tatsächliche Stadtbaukunst der NS-Zeit, das sind die zerstörten Städte Mitteleuropas, das ist die zerstörte Geschichte Mitteleuropas. Und dieses Vakuum blieb 1945 leer.

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Vor 1918 – die sozialistischen Ideen waren in Jahrzehnten gewachsen, im ökonomischen, bei den Architekten, bei den Künstlern und Dichtern, in der Gesellschaft. Da war eine Kraft entstanden, die auf Aktion drängte – 1918 wurde diese Aktion möglich. Solche Kraft war vor 1945 in Deutschland nicht entstanden, im Gegenteil. Die Gesellschaft war in ihrer Struktur zerstört, war Ruine wie ihre Städte. Da halfen auch erhaltene Reste nicht. Zerstörung überwog. Vakuum. Da gab es auch keine 30- und 35jährigen Stadtbauräte, die zur endlich möglichen Aktion sich gesammelt hätten. Nein, junge Revolutionäre wurden nicht Stadtbaurat in Deutschland. Es kamen die alten Revolutionäre zurück – so Fred Oelsner aus der Türkei nach Hamburg; Ernst May wurde Chefarchitekt der Neuen Heimat, Walter Gropius, inzwischen Hochschullehrer in den USA, plante in Berlin, Ludwig Mies van der Rohe, auch in den USA, baute in Berlin die Neue Nationalgalerie.

Auch Martin Wagner war vor den Nazis emigriert – 1935 zuerst nach Ankara, drei Jahre später in die USA. Auch er arbeitet dort als Hochschullehrer, an der Harvard Universität. Er kam nach 1945 nur noch zu Besuch nach Deutschland, als Berater, als Kritiker. Der Revolutionär von 1918, von 1920 wetterte gegen das, was man in Deutschland Städtebau, Wiederaufbau nannte: "Unzweifelhaft ist der heutige Mangel an geschulten und erfahrenen Städtebauern ebenso katastrophal wie seine Ursache: der Mangel an Lehrern, die einen zeitgemäßen Nachwuchs schulen können (1955)." Und: "In welche Werkstatt des Planens und des Bauens wir auch immer schauen mögen, es wird uns schwer, ja schier unmöglich, auch nur einen Baukünstler von dem Format eines Hans Poelzig oder Paul Bonatz oder Peter Behrens zu entdecken, und es wird uns ebenso unmöglich, auch nur einen Städtebauer von dem Format eines Schmidt (Essen) oder Fritz Schumacher ... zu sehen!" Wagner unterscheidet Architekten und Städtebauer grundsätzlich und zu Recht: "... hat sich dem Städtebauer ein neuer Diktator entgegengestellt, der mit dem Mammon, dem ’Brecheisen der Macht’, von ihm die mäßigsten und schäbigsten Pläne des Bauens und des Wohnens erpreßt".

Er hat, lieber Martin Wagner; der Diktator Mammon hat sich gesperrt, und mit jedem Jahr des wirtschaftswunderlichen Wiederaufbaus wurde seine Macht gewalttätiger, rücksichtsloser. Heute meditieren die Feuilletons unserer Zeitungen über "verlorene" Urbanität, oder sie verfolgen entzückt die duftigen Eigenlob-Arabesken der Architekturmode. Heute sind Häuser, Stadtteile und Städte zum Medium von Investition, Anlage, Rentabilität und Gewinn geworden.

Mit jedem Eigentümerwechsel geht zwangsläufig ein Stück Übernommenes, vielleicht ein Stück Unverwechselbarkeit kaputt, und Architektur ist unverhohlen Werbung, Reklame, Propaganda: Aufwertung einer Stadt mit architektonischen Gags – zur Sicherung der Steuereinnahmen, zur Forderung des Umsatzes. Das allerschlimmste an dieser "Masche" – sie scheint zu funktionieren! Der Diktator Mammon macht sich selbst zum Maßstab.

Der Gestalten unheimlich

Martin Wagners Zornausbrüche sind verständlich, erklärbar, zugleich eindrucksvoll; er verschont auch die alten Partner, Ernst May zum Beispiel, keineswegs. Hinter seinen Aktionen und Aufrufen steht der Traum der "Wir-Gesellschaft" – die er, das ist seine Amerika-Erfahrung, durch "Ich-Elemente" bombardiert, korrumpiert, zerstört sieht. Er ruft die Städtebauer zu persönlichem, zu politischem, zu parteilichem Engagement. Doch er findet letztlich kein Gehör – der Abstand war zu groß, die bundesrepublikanische Realität war für den alternden Donnergott in den fernen USA nicht mehr vermittelbar, erkennbar.

1957 ist Martin Wagner, 72 Jahre alt, in Cambridge/Massachusetts (USA) gestorben.

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Ist es erlaubt, aus Anlaß des 100. Geburtstags eines bedeutenden Stadtbaurates einmal ein paar Stadtbauräte unserer Städte heute zu besuchen?

Berlin – es gibt die "Stelle" nicht mehr. Es gibt zwar eine Verwaltung und Senatoren (drei!) und Bezirksdezernenten. Es gibt die Vorbereitungen zu einer Internationalen Bauausstellung, der IBA – gibt es sie noch? –, pendelnd zwischen ehrgeizigen Gestalten mit häufig peinlich modischen Architekturphantasien einerseits und dem bitter mühsamen, unspektakulären Geschäft der behutsamen Erneuerung andererseits. Dr. Wagner von 1920 im Gespräch mit dem Professor Hämer von 1980 – das wäre ein spannendes Szenario!

Hamburg – einerseits träumt Hamburgs Bürgermeister gelegentlich vom heutigen Schinkel, er erwartet dessen Strahlkraft, sucht die mit dem Namen Schinkel verbundene Faszination – in der Praxis ist Hamburgs Oberbaudirektor, selbstverständlich, weit von der Allmacht-Vollmacht Schinkels entfernt; in der Praxis hat man selbst des legendären Schumachers Arbeitsmöglichkeiten – Zuständigkeiten – immer weiter reduziert. Egbert Kossak, der die Position innehat, stört: Er agiert vermutlich zu unadministrativ, zu engagiert, zu parteilich – und stößt dabei natürlich an.

Und sonst, in den anderen Städten? In Hannover scheint die Welt noch in Ordnung, im Frankfurt Ernst Mays scheint der Oberbürgermeister selbst der Stadtgestalter zu sein. Andernorts – da werden Aufgabenbereiche geteilt und verschoben, weil man Angst hat vor der "Macht" des Stadtbaurates. Denn inzwischen hat sich vielerorts die Kommunalpolitik selbst korrumpiert: nicht mehr ist wichtig, welche Entscheidungen getroffen werden, sondern wichtig ist, wessen Entscheidung getroffen wird. Für viele ist es ehrenrührig, dem anderen, dem Fachmann gar, zu vertrauen, eigene Un-Zuständigkeit, Inkompetenz einzuräumen. Im Gerangel zwischen den Parteien und innerhalb der Parteien besteht allein der Stadtbaurat, der die administrativen Kniffe beherrscht, der das Klavier der Ausschüsse, Berater, Sitzungen, der Verfahren und der Beteiligungen souverän, harmonisch und ausgleichend spielt. Die Politiker akzeptieren allenfalls diesen Erfüllungsgehilfen, den Administrator. Gestalten: was das soll?

Was würde ich mir wünschen – von einem, für einen heutigen, einen neuen Martin Wagner? Man würde sich Parteilichkeit und Engagement wünschen, um unsere Städte im Gleichgewicht, im Gefüge zu halten: unsere Städte fallen auseinander – einerseits Stadt des Wohlstandes, Stadt von Shopping, Büro, Freizeit, Stadt mit Kultur und Glimmer – und andererseits Stadt der Benachteiligten, der Armen, der Ausländer, der Arbeitslosen. So läuft es in New York, in Los Angeles, so läuft es in London und Liverpool, so ist es absehbar in Berlin und in Hamburg, im Ruhrgebiet, in Frankfurt.

Vergleichbar ist das Auseinanderdriften einer im Grunde geschlossenen komplexen Aufgabe: einerseits die Steigerung in eine Architektur-Kunstwelt, von der Realität fast unabhängig, andererseits reale Menschen, reale Not, und das Defizit an realer Politik. Stadtbaukunst.

Vom Stadtbaurat wird erwartet, daß er der Vortänzer sei der Glimmerstadt, sprühend und Einfälle produzierend, die dem Image, das heißt der Fassade dienen. Stadt sei Fassade: siehe Berlin mit der Ritterstraße, Hamburg mit seinen Galerien, Frankfurt mit Museumsufer, Skyline, Messe.

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Man wünscht sich von unserem Stadtbaurat, daß er die Schnick-Schnack-Tapetenkunst, Stadt als Mode, bloßstellt: daß er die soziale – die gesellschaftliche Aufgabe "Stadt" sieht, erkennt, angeht. Der bedeutende Städtebauer Fritz Schumacher hat das (1945!) glasklar formuliert:

"Wir kamen aus einer Zeit, deren Kulturzustand bemessen wurde nach der besten Leistung, die sie auf dem Gebiet des Wohnwesens aufweisen konnte. Wir gehen in eine Zeit, deren Kulturzustand bemessen werden wird nach der schlechtesten Wohnung, die sie entstehen läßt."

Das war auch die Sicht von Martin Wagner. Es sollte Kriterium heutiger Stadtpolitik sein.

Das wünscht man sich für einen heutigen Martin Wagner. Und für unsere Städte.

In der Akademie der Künste Berlin beginnt am 10. November die Ausstellung "Martin Wagner 1885–1957: Wohnungsbau und Weltstadtplanung – Die Rationalisierung des Glücks"