Stuttgart

Der Altvater schwäbischer Kunstgeschichte, Robert Gradmann, hält den dreistöckigen. Bau einer Erwähnung nicht für wert, obwohl der kunstsinnige Mann schon vor 50 Jahren „neben monumentalen Eindrücken auch intimere, idyllische“ vermitteln wollte. Auch in jüngeren Kunstführern ist nur von der Dorfkirche aus dem Jahre 1707 die Rede, aber in Lokalzeitungen, bei Kirchen- und Denkmalbehörden Baden-Württembergs hält der Bau die Gemüter in Wallung: das alte Pfarrhaus von Steinenberg im Welzheimer Wald, ein denkmalgeschützter „Winkelhakenbau“ mit Teilen von 1461.

Seit gut zehn Jahren will die Evangelische Kirchengemeinde von Steinenberg den schon lange nicht mehr bewohnten Pfarrbau abbrechen und an seiner Stelle ein Gemeindezentrum errichten. Der zuständige Landrat Horst Lässing (CDU) hatte denn auch ein Einsehen in die Nöte der Gemeinde und in den beklagenswerten Zustand des Gemäuers. Als Chef der zuständigen unteren Denkmalbehörde genehmigte er den Abbruch. Aber er hatte nicht mit höheren Einsichten gerechnet. Manfred Bulling, Regierungspräsident in Stuttgart und Lässings Aufsichtsbehörde, hat die Abbruchgenehmigung widerrufen.

Während man vor Ort den Sanierungsaufwand im Verhältnis zur kunstgeschichtlichen Bedeutung des Baus für übertrieben ansah, spricht Bulling nun von einem „hochwertigen Kulturdenkmal. Fachleute der Landesstelle für Baustatik hatten ebenfalls neue Erkenntnisse eingebracht. Während man bis dahin das Steinenberger Pfarrhaus für baufällig hielt, meinten die Tübinger nun, es sei ziemlich gut erhalten. Jetzt werden sich Kirchengemeinde und Regierungspräsident wohl vor dem Verwaltungsgericht in Stuttgart treffen. Denn der Schorndorfer Dekan Rolf Scheffbuch scheint entschlossen, den Fall zu einer Grundsatzangelegenheit des Denkmalschutzes in Nordwürttemberg zu machen. Er weiß auch, daß der Stuttgarter Regierungspräsident in populären Fragen schon so manch kühne Entscheidung getroffen hat, die vor Gericht nicht standzuhalten vermochte.

Dabei ist Scheffbuch keineswegs ein wütender Modernist, der nach Art eines Kreisparkassendirektors Betonplätze in idyllische Altstadtgäßchen pflanzen möchte. Der Dekan ist eher dem Alten verhaftet: Er steht der Vereinigung der Schwäbischen Pietisten vor, die in der Kirchensynode fast die Hälfte aller Sitze haben. Fortschrittliches liest er denn auch nur in der Verfügung des Regierungspräsidenten, wo man den Streit um das Steinenberger Pfarrhaus als typischen Fall für die „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ ansieht.

Freilich zeigen nicht nur die Meinungsverschiedenheiten zwischen Schützer und Eigentümer, sondern auch zwischen der unteren und der oberen Denkmalbehörde, daß Denkmalschutz, wenn er auf einer Woge breiter Zustimmung schwimmt, nicht immer dagegen gefeit ist, sich zum Selbstzweck zu erheben. Dekan Scheffbuch zitiert aus der Heiligen Schrift: Der Sabbat sei um des Menschen willen gemacht und nicht umgekehrt.

Was dem Steinenberger Pfarrhaus die besorgte Hand der Denkmalschützer beschert, ist vor allem das Fachwerk, das sich ein- bis zweistöckig auf dem Sandsteinsockel erhebt. Es wurde aber erst ganz sichtbar, seit der Putz weithin abgebröckelt ist. Große Teile des Balkenwerks haben keine kunsthandwerkliche, nur noch statistische Funktion, eine Folge vieler späterer Veränderungen.