Fast wäre Günter Wallraff diesmal zu weit gegangen. Warnungen eines Arztes und dann die eigene Angst und Vernunft hielten ihn davon zurück, für ein sensationelles Buchkapitel als strahlenverseuchter Märtyrer zu enden. Mit seinem Insider-Report "Der Aufmacher" über die Praktiken der Bild-Zeitung machte Wallraff vor acht Jahren als draufgängerischer Ankläger Furore. Jetzt liegt in den Buchhandlungen sein neues Buch, für das er zwei Jahre lang aus dem bürgerlichen Leben wegtauchte:

Günter Wallraff: "Ganz unten"; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1985; 256 S., 19,80 DM.

Es führt nun wirklich in die Hölle dieser Republik, deren letzte Station die Gefahrenzone eines Kernkraftwerks gewesen wäre. Das Buch beginnt relativ harmlos im, wie Wallraff sagt, hygienisch ekelerregend geführten Restaurant einer bekannten Schnellimbißkette. Aber der Weg von dort bis zum möglichen Krebstod durch AKW-Strahlung ist für Wallraff in seinem Horrorszenario nicht ohne dramaturgische Logik.

Wallraff erforschte für dieses Buch, was es bedeutet, in der Konsum- und Industriegesellschaft ein Arbeiter auf der untersten Rangstufe zu sein. Mittels simpler Veränderungen – Schnauzbart, braune Kontaktlinsen, dunkles Haarteil – sowie durch sein Talent zur Mimikry gelang es ihm, sich glaubhaft in einen türkischen Gelegenheitsarbeiter zu verwandeln; ein gekonnt imitiertes Ausländerdeutsch sicherte ihn vollends ab. Die "Generalprobe" geriet zum kabarettreifen Auftritt: Er biederte sich in seiner neuen Rolle bei christdemokratischen Politikern an. Auf einer Veranstaltung, wo er den Abgesandten einer neofaschistischen türkischen Organisation mimte, klopfte ihm F. J. Strauß auf die Schulter – und schrieb ihm in eine Festschrift die Widmung: "Für Ali mit herzlichem Gruß." Ali: So nennt sich Wallraff auf seinem knochenbrechenden Marsch durch die unwürdigsten Niederungen der modernen Arbeitswelt. Er verdingt sich ausschließlich für "Schwerst- und Drecksarbeiten", und die Jovialität der Politiker verkommt natürlich zur Farce, wenn Wallraff als Ali draußen im Land wie der letzte Dreck behandelt wird.

Die Diskriminierung der Türken ist nur ein Teil von Wallraffs Reportage-Brandschrift. Den bekannten Vorurteilen und Beschimpfungen begegnet man in einem geballt ungeschminkten Originalton, daß sich unweigerlich beim Lesen von Volkes Stimme ein verzweifelter Überdruß einstellt, wie in Jauche getunkt fühlt man sich. Wallraffs zweites Thema sind die inhumanen Arbeitsbedingungen, denen zumal ausländische Gelegenheitsarbeiter ausgesetzt sind. In bestimmten Bereichen namentlich genannter Firmen – neben der Imbißkette ein Asbestwerk, ein Hüttenkonzern, ein Pharmainstitut sowie das erwähnte Atomkraftwerk – werden Wallraffs Erfahrungen am eigenen Leibe zufolge jegliche Sicherheitsvorkehrungen mißachtet, extreme gesundheitliche Schäden riskiert und die Beschäftigten wie "Galeerensträflinge" traktiert. Wallraff rechnet mit Prozessen. Drittes Thema: Große Unternehmen lassen sich, wie in dem Buch detailliert dokumentiert wird, von sogenannten "Subfirmen" mit billigen Gelegenheitsarbeitern versorgen – deren Vermittlung und Einsatz bewegt sich laut Wallraff in einer "kriminellen" Dunkelzone. Hier deckt er einen Skandal auf, bei dem Steuerhinterziehungen, Umgehung von Versicherungs- und Renteneinzahlungen und Korruption im großen Stil eine Rolle spielen. Im Zentrum steht da das umwerfende Porträt eines Doktor Mabuse der Wirtschaftskriminalität, der mit Arbeitslosen, Türken und anderen Opfern einen Sklavenhandel betreibt, bei dem er sogar die Gefährdung von deren Leben riskiert.

Etwas nur stört empfindlich an dieser Reportage, die ihrem Autor eine "kranke Schulter und "fast eine chronische Bronchitis" bei körperlicher Schwerstarbeit im Ruhrpott einbrachte: Das Buch "Ganz unten" liest sich wie ein Reißer, spannend, blendend, ja perverserweise sogar unterhaltsam, und Wallraff steht in seinem selbstgesuchten Elend als der Türke Ali überlebensgroß da. Genial. Seine Bravour droht den Wahrheitsgehalt in den Schatten zu stellen, die wahren Opfer, Türken und Arbeiter ohne Starruhm, bleiben bei dieser furiosen sozialanklägerischen Höllenfahrt beinahe als Sensationsstatisten auf der Strecke.

Siegfried Schober