Vor drei Wochen haben wir ein Buch von Hans Eckstein besprochen. Die Besprechung war seine letzte Freude. Wenige Tage später ist er gestorben.

Hans Eckstein war im besten Sinne ein Werkbundmann. Das Thema des Deutschen Werkbundes ist die Form des Alltags: Er lehrt uns, darauf zu achten, daß unsere Umgebung unserem täglichen Leben angemessen sei. Diese Lehre hat Hans Eckstein verbreitet, gepredigt, betätigt: am eindrucksvollsten durch das Museum „Die Neue Sammlung“ in München, das er von 1955 bis 1964 geleitet hat. Die Ausstellungen und Veröffentlichungen der „Neuen Sammlung“ waren grundsätzlich. Sie zeigen, daß das, was man die neue Formgebung genannt hat, nicht in den zwanziger Jahren seinen Anfang nahm; daß es in Wahrheit nicht eine neue Formgebung war, sondern die Erinnerung an die gute Form, die man an Stühlen, Gläsern, Kannen seit dem achtzehnten Jahrhundert findet: die Form, die dem Gegenstande entspricht und über sein Wesen etwas aussagt.

Hans Eckstein wurde 1898 in einem Pfarrhaus in der Nähe von Darmstadt geboren. Er war im Ersten Weltkrieg Soldat und wurde verwundet. 1918 stürzte er sich ins Studium, vielmehr in die Studien:

Philosophie, Soziologie, Archäologie und Kunstgeschichte, in Heidelberg, dann in München, wo Heinrich Wölfflin und Paul Frankl seine Lehrer waren. Nun beginnt seine Tätigkeit als Schriftsteller in den großen Zeitschriften jener Zeit, wie in Kunst und Künstler, Karl Schefflers Zeitschrift. 1938 schreibt er eine Monographie über die Barockkirche „Vierzehnheiligen“. In dieser Zeit, seit 1933, arbeitet er publizistisch fast nur in der Schweiz, in Werk und in der Neuen Zürcher Zeitung. Nach 1945 ist er aktiv im neu gegründeten Werkbund, in der Zeitschrift Bauen und Wohnen, in Vorträgen, Diskussionen, Symposien. Aber 1975 veröffentlicht er bei DuMont wieder ein kunsthistorisches Werk über die romanische Architektur; nur ist das Kunstgeschichte, welche Ecksteins Standpunkt der gegenwärtigen Architektur gegenüber nahe entspricht: Er zeigt die romanische Architektur als Form gewordene Konstruktion. Als solche, sagt er, bestehe sie nur in Frankreich; und er hat wohl recht.

Frankreich war überhaupt das Land seiner Wahl. Ich hatte mir eingebildet, Paris zu kennen, bis er es mir gezeigt hat. Eine besondere Freude war es, mit Eckstein essen zu gehen und zuzuhören, wie er mit dem „Patron“ das Menü beriet; denn er bestellte nicht etwa. Einmal hat er mir ein Zimmer an der Place de l’Odéon nachgewiesen, in dem ich schön einmal längere Zeit gewohnt hatte – fünfzig Jahre vorher.

Wir haben einen Mann verloren, wie es nur noch sehr wenige gibt. Die Welt wird ärmer. Julius Posener