Seit es Aids gibt, kann man sich Dracula wieder vorstellen. Dafür glauben viele, es mit dem Rest der Bevölkerung schwerer zu haben. Ist Fräulein Müller noch im Kegelklub oder schon in der Risikogruppe? Unsere Sprache klingt nach chemischer Kriegsführung: HTLV 3, Kaposi-Sarkom, Suppressor-Zellen. Nicht nur der Virus lauert überall, auch die Nachbarin: ist der Geliebte ihrer Nichte vielleicht ein Bi-Sexueller?

Als im Sommer die Aufklärungswelle über uns hinwegschwappte, war nicht nur die kurze Zeit der Libertinage zu Ende. Seit die Parole „Treue und Kondome“ heißt, wird verdächtigt, observiert, mißtraut. „Leoparden küßt man nicht“, heißt ein Film von Howard Hawks. Leoparden?

Seit man weiß, daß es nicht nur die Homosexuellen trifft, entlastet man sich anders. Wir sterben nicht für uns allein: Aids im Ostblock. Die republikanische Irish Times berichtet vom ersten Aids-Toten in Nordirland. Unsere Perspektive verengt sich. Die illustrierten Magazine blicken durchs Schlüsselloch: Jimmy will nicht sterben. Aids-Kranke erzählen.

Schlüsselloch – mein Stichwort. Schon läuft „Buddies“, der erste Film über Aids, in deutschen Kinos, ist das erste Aids-Stück auf einer deutschen Bühne zu sehen. Zuerst hat der Virus die Kunst am Broadway erreicht. Jetzt gibt es im Württembergischen Staatsschauspiel Stuttgart HTLV 3 für Abonnenten. Wie der Film kommt auch das Stück aus Amerika: William M. Hoffmans „As Is“, deutscher Titel „Wie Du“. Die Phase der Aufklärung ist zu Ende. Jetzt wird geguckt.

In Arthur J. Bressans „Buddies“ betreut ein junger Homosexueller als Volontär einer Aids-Hilfe-Organisation einen anderen, der mit Aids im Krankenhaus liegt. Drei Monate dauert die selbstlose Sozialarbeit, die sich in eine triefende Love-Story verwandelt. Nach so manchem Rückblick auf die Libertinage mit Hilfe protziger Details und Porno-Kassetten stirbt der Kranke.

In „Wie Du“ lieben sich am Ende Saul und Rich auf dem Krankenhausbett. Rich hat Aids. Der Virus hat ihre Beziehung, die auf der Kippe stand, wieder gekittet. Wir treffen die beiden aber nicht nur im Krankenhaus oder in ihrem Loft, sondern auch in der Lederbar. Da läßt Regisseur Arie Zinger richtig Dampf ab: Nebel kommt durch eine Tür ins Parkett und mit ihm Ledermänner. Schon wieder sind wir im schwulen Milieu statt beim Aids-Problem. Homosexuelle, heißt es, seien nur die „Indikatorgruppe“, Aids keine „Schwulenkrankheit . Aber schließlich geht es nicht um Aids, sondern um dessen Verramschung, um Effekthascherei. Wer hatte das erste Aids-Stück in Deutschland? Ivan Nagel, der Intendant von Stuttgart.

Aids trifft uns hart Aids ist keine Schnulze. Vielleicht ließen sich die absurden, die grotesken, die traurigkomischen Seiten des Unglücks erzählen. Gegen filmische und theatralische Überlegungen waren die ersten beiden Aids-Projekte immun. Aber das war schließlich erst der Anfang. Schon arbeiten Hans Noever, Rosa von Praunheim und Frank Ripploh an Filmen zum Thema Aids.