Tempus fugit – als den Römern die Zeit davonflog, sind sie selbst noch ein gutes Stück vorangekommen. Ob bei unseren Tempi für Wechsel und Wenden immer gleich der Fortschritt herausspringt, wagen nicht nur Kulturpessimisten hartnäckig zu bezweifeln. Überhaupt ist das mit der Geschwindigkeit so eine Sache. Zuweilen scheint sie sich schon beim Anlauf für große Taten aufzubrauchen: Man holt stark aus, tritt aber weiter auf der Stelle – und zuweilen fällt man sogar noch zurück. In der Hochschulpolitik zum Beispiel, wo bekanntlich mit großem Schwung die Rolle rückwärts genommen wurde, eine, die uns weit nach hinten brachte.

Reformuni ad, doch wäre es unfair, einseitig auf der CDU herumzuhacken, auch die Sozial-Liberalen sind ihren universitären Mitbestimmern bereits mächtig in die Parade gefahren. Nachdem aber aus den Bundesländern die ersten Rückmeldungen auf die letzte Novelle eingetrudelt sind, kennen wir die neueste Kleiderordnung: Amtskette und Barett, auf geht’s ins vor-vorletzte Jahrzehnt.

Dann aber gleich ganz, mögen sich da die angejahrten Studentenvereinigungen gedacht haben. Der Convent Deutscher Korporationsverbände jedenfalls schaltete blitzschnell und veranstaltete – was? Einen Selbstbestimmungskongreß, der Corps, Burschen- und Landsmannschaften sanft und sicher ins nächste Jahrtausend geleiten soll – vorsichtshalber, damit neben den schlagenden, jagenden, singenden und turnenden Bundesbrüdern auch anno 2035 noch Burschen und Füxe Platz nehmen.

Couleurnadeln und -krawatten sollen dem Campus wieder den rechten Schwung geben, Aufkleber das Bekenntnis auf die Straße tragen: „Wir sind Korporierte, wir sind die Zukunft“ – garniert mit den Sprüchen der Vergangenheit, keine ketzerischen Parolen, die nach Erneuerung schreien, keine Abstriche an angestaubten Statuten, um sich etwa auf die Höhe der Postmoderne zu schwingen. Kein Zutritt für verbindungsuchende Studentinnen, was für eine Frage: „Alte Zöpfe sollen wieder wachsen.“

Mag Ex-WRK-Präsident George Turner noch so beschwörend vor Wirklichkeitsverlusten warnen – den Hochschulen mangele es an allem möglichen, nur nicht an „Traditionsvereinen“. Die lichten Reihen des Kongresses, der die Ichfindung der 17 000 jungen und 150 000 Alten Herren vorantreibt, quält nur eine Frage, die der PR: Wie lassen sich die „Lebensbünde“ der Band-, Zipfel- und Mützenträger, Kneipen und Kommerse, das Komment derselben – Silentium, Ex, Colloquium – an den (jungen) Mann bringen?

Ein Tagesordnungspunkt, ein Programm – „Wie können wir unsere Schlagkraft verändern...?“ Nomen ist hier omen, denn auch vom Zweikampf wollen die schlagenden unter den Korporierten nicht lassen. Tradition ist Tradition, Selbstzucht oder Mutprobe – das soll jeder so sehen wie er will. Abschrecken können die schmissigen Mensuren schon, gewiß, aber doch wohl nur „Mitläufer“.

Arg geprüft ist die Activitas – jene anhänglichen Kommilitonen, von denen man bald wieder soviel auf den Häusern haben will wie in der „Vorkriegszeit“ der vorrevolutionären Fünfziger und Sechziger. Doch nichts ist so relativ wie absolute Zahlen – was sind 17 000 bei 1,3 Millionen Studenten. Turner versuchte tapfer, das Bild des nüchternen Hochschul-Alltags zu malen – heutige Studenten sind anders als ihre streng gescheitelten Vorfahren aus den jungen Jahren der Republik.

Sie werden von ganz anderen Kümmernissen umgetrieben – auch wenn sie nicht aufmucken und meckern. Sie schlucken viel, aber nicht mehr den Kommers. Keine Rückwärtsrolle im Sauseschritt, die Zeiten sind schnell und unsere Studenten angeblich zu langsam, doch von gestern sind sie nicht. Dorothea Hilgenberg