Von Sievert Lorenzen

Noch vor einigen Jahren fragte kaum ein Mensch, ob wir eine neue Evolutionstheorie brauchen oder nicht. Wozu auch, denn die Darwinsche Evolutionstheorie (also Abstammungs- plus Selektionstheorie), wie wir sie heute verstehen, hat sich hervorragend bewährt und steht in keinem Widerspruch zu irgendeiner biologischen Erkenntnis.

Genau in diesem Punkt sind immer wieder Autoren anderer Meinung. Sie behaupten, die heutigen Biologen befanden sich in dogmatischem Schlummer und seien unfähig oder zu bequem, die Unhaltbarkeit speziell der Selektionstheorie zu erkennen.

Ist die Selektionstheorie ein Jahrhundertirrtum? Bahnt sich ein wichtiger Umbruch im biologischen Denken an? Brauchen wir eine neue Evolutionstheorie?

Bevor die bejahende Antwort eines zeitgenössischen Autors analysiert wird, möchte ich die Evolutionstheorie aus heutiger Sicht kurz beschreiben.

Die Abstammungs- oder Deszendenztheorie macht die folgende Aussage über den historischen Verlauf der Evolution der Lebewesen: Alle Arten von Lebewesen haben sich durch Artspaltungsvorgänge aus früheren Arten entwickelt, und sämtliche Stammlinien lassen sich stammbaumartig auf einen einzigen Ursprung zurückführen.

Die Selektionstheorie macht eine Aussage über die Ursache der Evolution: Sofern die Bedingungen für die Existenz von Lebewesen erfüllt waren und sind, wurde und wird die Evolution der verschiedenen Arten von Lebewesen in vielen, mehr oder weniger kleinen Schritten durch Variation und Selektion vorangetrieben; auf diese Weise entstanden allmählich nicht nur neue Arten oder Lebewesen mit neuen Bauplänen, sondern es wurde überdies die Anpassung bestehender Arten an ihre jeweiligen Umweltbedingungen optimiert.