Zuerst verkaufte Amerika uns die Sesamstraße und nun mit Neil Postman die Kritik dazu. Wir werden uns dann die Freiheit nehmen, das eine ins Archiv und das andere ins Buchregal zu stellen. Wenden wir uns unseren Fehlern und Vorzügen zu: Das deutsche Fernsehen (und das ARD-Kinderprogramm im besonderen) hat längst seine Wirklichkeiten gefunden – und sein Publikum.

Kulturkritik bläht den Gegenstand ihrer Kritik zur eingetroffenen Utopie auf und klassifiziert solche Kleinigkeiten wie Programm als Abfall der Müllmaschine. Sie kennt es nicht, liebt es nicht, haßt es nicht – es ist ihr gleichgültig. Es ist Folie für Cassata-Rufe* zur Unbildung.

Hübsch ist der Einfall, Kindersendungen noch anzukreiden, daß sie weniger Zuschauer als das andere idiotische Programm haben. Dieser Effekt tritt besonders gern ein, wenn pädagogische Ratschläge bei der Herstellung befolgt werden.

Die ARD (darin der WDR als größter Sender) hat sich vor zwei Jahrzehnten vom amerikanischen Serienzirkus abgekoppelt. Die Erfolge seines Kinderfernsehens wurden mit europäischen Geschichten und in der Bildersprache dieses Kontinents aufgebaut.

„Vergeßt Pan Tau für Amerika. It’s too slow.“ Diesen authentischen Dialog haben wir schon immer als Kompliment genommen. Es gibt auch Fernsehlektüre als Original. Sie ist unwiederholbar, im Buch bestenfalls anders, keinesfalls besser.

Aber darum – steht zu lesen – soll es gar nicht gehen. Das Buch, selbst wenn es schwächer ist, leistet stärkere Phantasiearbeit im Kopf des Kindes. Nein – nur andere, vielleicht wichtigere. Aber auch TV-Bilder der prämierten Leseratte Annabel Falkenhagen, zitiert im Leserreport des STERN, sind ihre eigenen Bilder. Sie gehören nicht dem Fernsehen.

Begeisterung beim Lesen tritt ein, wenn die Mühsal des Abc überwunden ist. Beim Fernsehen ist scheinbare Leichtigkeit der sofortige Genußanteil. Dann aber kommt die Arbeit. Nur Bildersprache ist nicht in den Kanon der Bildung aufgenommen.