Von Norbert Denkel

Im Frühjahr 1947 plante eine kleine Gruppe von Photographen, als sie im Restaurant des Museums of Modern Art zusammensaßen, eine Agentur zu gründen ... Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, David Seymour wurden zum harten Kern der Agentur, die nach den großen, zwei und mehr Liter fassenden Sektflaschen benannt wurde: Magnum.“ So steht es im Vorwort zu dem großen Magnum-Opus „Eine neue Zeit... 1944-1960“.

Blättert man durch die Seiten, dann ist allerdings der Eindruck schnell da, der englische Originaltitel „After the war was over...“ sei treffender für die Bilder, auch für den Text. Denn die Bilder sind Nachkriegsbilder, nicht so sehr Bilder der neuen Zeit. Die begann, wie im Vorwort richtig bemerkt, für die meisten erst gegen Ende der fünfziger Jahre.

Offensichtlich kennt die Autorin sich aus bei den Magnum-Photographen. Und über deren Bilder schreibt sie heute, nach dreißig Jahren, genau so leise und weise wie über die vergangenen Zeiten. Verglichen mit heutiger zeitbezogener Photographie wirken auch viele der Bilder leise. In diesen Bildern lebt die Zeit sehr eindringlich – aber das Dargestellte hat eine andere Aufnahme- und Mitteilungsgeschwindigkeit. Der schnelle Krieg war dem langsam sich auflösenden Nachkrieg gewichen.

Zwei symbolträchtige Bilder markieren Anfang und Ende des Buches. Das erste Bild 1947 von Werner Bischof photographiert, zeigt einen heruntergefallenen Putto im Tanzschritt – mitten im Trümmergestein von Warschau. Das letzte Bild wird beherrscht vom 1958 aufgenommenen Atomium, jenem noch heute stehenden Symbol der damaligen Brüsseler Weltausstellung.

Beide Bilder erzählen etwas, das sich heute anders ansieht als damals. 1947 gab es nicht viele, die angesichts neunzigprozentiger Zerstörung an den hundertprozentigen Wiederaufbau glaubten, und 1958 gab es viele, die mit der Atomtechnik das goldene Zeitalter ahnten, oder, besser gesagt, mit Sicherheit erwarteten. Die 166 Photographien zwischen’ diesen beiden Bildern von 1947 und 1958 wollen auf die gleiche Weise betrachtet sein: Was sagten sie damals aus, was teilt sich heute mit? Und – Photographien dieser Art waren damals praktisch konkurrenzlos. Es gab kein Fernsehen. Gesucht war noch das Einzelbild, das irgendwie die optisch gebündelte Inhaltserzählung sein sollte. Selbstverständlich schwarzweiß, denn Farbe wurde kaum verlangt von den Zeitschriften.

Die Suche nach dem Einzelbild, das Abpassen des bildgünstigen einmaligen Augenblicks prägte die Haltung der Photographen, spornte ihren Ehrgeiz an. Sie wollten die Elite sein und bleiben. Wer zu Magnum berufen wurde (man konnte nur berufen werden), der durfte sich stark erhöht fühlen. Allerdings sollten auch Taten zu sehen sein: Magnum-Bilder gleich beste Bilder, egal wo photographiert, ob im Waisenhaus oder in einem der heißen Kriege während des allgemeinen kalten Nachkriegs.