Kurssprünge in den marktgängigen deutschen Standardaktien von zehn bis zwanzig Mark gehören nicht mehr zu den Seltenheiten. Für die Skeptiker ist dies ein Zeichen, daß sich die seit mehr als drei Jahren anhaltende Aktienhausse nunmehr in ihrer Endphase befindet. Für die Haussiers sind das normale Kursbewegungen, an die sich die deutschen Anleger wegen der Internationalisierung des Aktienmarktes nun erst gewöhnen müssen.

Niemand schließt in dieser Phase, die zeitweilig Überhitzungserscheinungen erkennen läßt, eine längere Konsolidierungspause mit entsprechenden Minuskorrekturen bei den Kursen aus. Wie plötzlich und kräftig sie kommen können, hat die Börse am Wochenanfang erlebt. Das ist aber nur ein Vorgeschmack auf das, was mit den Aktien geschieht, falls die Ausländer eines Tages die Freude an ihnen verlieren sollten.

Das wirtschaftliche Umfeld in der Bundesrepublik gibt derzeit dafür allerdings keinen Anlaß. Die konjunkturelle Belebung – einhergehend damit eine wachsende Investitionsbereitschaft – sorgt letzten Endes für einen weiteren Anstieg der Unternehmensgewinne, Ausgangspunkt für weiter steigende Aktienkurse. Die angekündigte Steuerreform zum 1. Januar 1986 sowie die zu erwartende Anhebung der Reallöhne dürften im kommenden Jahr den Konsum beleben und so den Aufschwung auf eine breitere Basis stellen.

Das eigentliche Fragezeichen liegt in der politischen Entwicklung. Sollten die Ausländer den Eindruck gewinnen, daß die jetzige Regierungskoalition keine Mehrheit mehr finden wird, dürfte das große Aussteigen aus deutschen Wertpapieren beginnen. Denn die Sozialdemokraten lassen keinen Zweifel daran, daß sie die Unternehmen mit höheren Steuern überziehen wollen, falls sie die Regierung stellen sollten. Höhere Belastungen bedeuten sinkende Unternehmensgewinne und damit niedrigere Aktienkurse.

Gegenwärtig spielen die kommenden Bundestagswahlen bei der Kursbildung noch keine Rolle. Die Spekulationen bewegen sich in andere Richtungen. Das in den USA bereits grassierende Übernahmefieber beginnt die deutschen Börsen anzustecken. Angefangen hat es mit dem Daimler-Einstieg in die AEG, der sowohl den AEG-Aktionären als auch den Besitzern von Daimler- und Mercedes-Aktien neue Höchstkurse beschert hat.

Für eine Hausse der Papiere der BHF-Bank sorgte unlängst das Gerücht, in dem von einer „namhaften“ Beteiligung der Allianz an diesem Institut die Rede war. Zwar gab es hierfür inzwischen ein Dementi, doch ist am BHF-Kurs einiges „hängengeblieben“. Im Falle Deutsche Babcock kommt die Börsenphantasie immer noch nicht zur Ruhe. Es dreht sich um die Schachtelbeteiligung, die der Iran an diesen Unternehmen hält und die angeblich zum Verkauf stehen soll. Doch auch dafür liegt eine Reihe von Dementis vor.

Starke Schwankungen kennzeichneten den Kurs der Deutschen Bank-Aktien. Wer erwartet hatte, er würde sich deutlich nach unten bewegen, weil sich die bevorstehende Mammutkapitalerhöhung als Belastung erweist, hat bisher die Rechnung ohne den Wirt gemacht. „Bewegt“ ist der Kurs durch Meldungen worden, die von der Gründung einer Vermögensholding sprachen, in denen die Deutsche Bank angeblich einen Teil ihrer Industriebeteiligungen einbringen würde.

Inzwischen ist bekannt, daß es solche Pläne nicht gibt, wohl aber die Absicht, eine Holding ins Leben zu rufen, in die Beteiligungen nicht börsenfähiger mittelständischer Unternehmen eingebracht werden sollen. An dieser Holding, deren Aktien an die Börse kommen werden, können sich fremde Anleger beteiligen. K. W.