Eine überraschende Erfahrung: Trotz des anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs bleiben die Preise stabil

Es gibt mehr im Himmel und auf der Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Das gilt auch für wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. In den letzten dreißig Jahren hat sich immer wieder gezeigt, daß als gesichert angesehene ökonomische Zusammenhänge plötzlich nicht mehr galten, daß „bewährte“ Instrumente der Wirtschaftspolitik versagten, daß die Verhaltensweisen von Arbeitnehmern, Unternehmern, Sparern oder Verbrauchern sich in unerwarteter Weise änderten. Wie rasch „Lehrsätze“ der praktischen Wirtschaftspolitik sich als fragwürdig erweisen können, zeigt jetzt wieder die Entwicklung der Inflationsrate. Der anhaltende Rückgang der Verbraucherpreise – der Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte lag im Oktober nur noch um 1,8 Prozent über dem Vorjahr – spricht allen bisherigen Erfahrungen hohn.

Der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller glaubte zwar in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre noch, er könne den Bundesbürgern versprechen, die aus der Sicht jener Zeit gefährlich rasch steigende Preissteigerungsrate schrittweise über zwei auf ein und dann null Prozent zurückzuführen. Doch es zeigte sich schon sehr bald, daß auch eine mit wirtschaftswissenschaftlichem Instrumentarium betriebene Stabilitätspolitik keine Wunder zu vollbringen vermag. Zwischen 1967 und 1974 stieg die Inflationsrate von Jahr zu Jahr – von bescheidenen 1,4 auf schließlich fast sieben Prozent. Auch wenn es dann in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre gelang, das Tempo der Geldentwertung wieder etwas zu verlangsamen, so galt seither die ökonomische Faustregel: Jeder wirtschaftliche Aufschwung beginnt auf einem höheren Inflationssockel; im Sog des Aufschwungs werden dann die Preise weiter nach oben gerissen.

Und nun erleben wir wieder einmal genau das Gegenteil. Obwohl sich die deutsche Wirtschaft seit über zwei Jahren in einem Aufschwung befindet, der nicht nur zu einer steigenden Produktion und höheren Gewinnen, sondern jetzt endlich auch zu einer Zunahme der Beschäftigung führt, werden von Monat zu Monat geringere Preissteigerungsraten registriert.

Das ist nicht nur ein neuer Beweis dafür, daß wirtschaftliches Wachstum auch ohne die Droge der Inflation möglich ist. Es ist zugleich auch eine Form der Verteilungspolitik, bei der nicht allein das Recht des Stärkeren gilt. Denn es gibt vor allem zwei Möglichkeiten, die Früchte des Produktivitätsfortschritts zu verteilen: Entweder über höhere Löhne (beziehungsweise kürzere Arbeitszeiten) oder auf die sanfte Tour, nämlich in Form von Preissenkungen.

Doch während von der sogenannten aktiven Lohnpolitik allein die Arbeitsplatzbesitzer – und davon wiederum vor allem diejenigen mit der rücksichtslosesten Interessenvertretung – profitieren, führen stabile oder gar sinkende Preise dazu, daß auch die sozial und politisch schwächsten Gruppen der Gesellschaft ein wenig am Aufschwung und Produktivitätsfortschritt partizipieren können – Arbeitnehmer in Krisenbranchen, Rentner, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger. Preisstabilität bedeutet aber auch, daß die Sparer nicht heimlich um die Früchte ihrer Arbeit betrogen werden. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, in der die private Vorsorge angesichts der Misere der sozialen. Rentenversicherung zu einem immer bedeutenderen Teil der Alterssicherung wird, werden muß. Wenn heute den Arbeitnehmern Vermögensbildung empfohlen wird, dann dürfen sie nicht im Alter durch Inflation enteignet werden.

Der Sieg über die Inflation ist deshalb auch ein Sieg für die soziale Gerechtigkeit, der nicht wieder durch Rücksichtslosigkeit im Verteilungskampf gefährdet werden darf. Michael Jungblut