Von Marlies Menge

Mein Sohn will nicht mehr seinen Urlaub mit mir verleben“, erzählte die Frau. „Wie alt ist er denn?“ fragte ich. „Er wird 31“, und ich wollte gerade ansetzen, ihr zu erklären, daß es höchste Zeit sei, ihn allein oder mit Freunden Urlaub machen zu lassen, als sie mir zuvorkam: „Er ist behindert, Rollstuhlfahrer, schwer spastisch gelähmt.“

Er habe es im Vergleich zu vielen anderen gut, sagte sie, er lebe das Jahr über in einer Einrichtung in Süddeutschland, wo er arbeite, soweit ihm das möglich sei, wo er akzeptiert werde als Erwachsener unter erwachsenen Behinderten und Nichtbehinderten. Aber auf einmal habe er den Wunsch, auch den Urlaub wie ein Erwachsener zu verbringen. Er hatte einen seiner Betreuer zu überreden versucht, daß er ihn mitnimmt nach England. Doch der Betreuer hat zwei kleine Kinder; ein Schwerstbehinderter wäre eine zu große Belastung. Eine Gruppe seiner Freunde wurde im Urlaub nicht nach Hause geschickt, sondern reiste mit einigen Betreuern in die Berge. Er wäre gern mitgefahren. Doch es waren nur die sogenannten „schönen Behinderten“ zugelassen, die laufen können. Was soll man mit einem Rollstuhlfahrer in den Bergen!!

Früher hatte er im Herbst seinen Jahresurlaub nehmen dürfen. Da ging es noch. Man mußte nicht in großer Hitze über verstopfte Autobahnen rollen – was nützen die schönsten behindertengerechten Autobahngaststätten und Klos, wenn die Gaststätten überfüllt sind und überforderte Tankwarte der Mutter den Schlüssel verweigern mit der höhnischen Bemerkung, daß sie für eine Behinderte aber ziemlich flink laufen könne. Im Herbst hatte sie mit dem Sohn auf dem Wege nach Norden in einem Gasthof in Indelhausen in der Schwäbischen Alb zwei Tage Pause machen können. Die Besitzer hatten einen Neubau behindertengerecht bauen lassen: keine Treppen, Fahrstuhl, breite Tür zum Badezimmer. Aber das war damals Nachsaison, in der Hauptsaison ist der schwäbische Gasthof ausgebucht durch Stammgäste, die mindestens 14 Tage bleiben. In der Stadt sind zur Sommerszeit Theaterferien, in den Museen drängen sich Touristen, die Freunde, die der Sohn besuchen könnte, sind selbst im Urlaub.

Die Frau fing an, Zeitungsannoncen nach Behindertenferien zu durchforsten. In einem Artikel im Reiseteil las sie, daß Behinderte nur Fragebögen vom Reisebüro anzufordern und auszurollen brauchten, und entsprechend ihren Möglichkeiten würde man ihnen dann den passenden Urlaubsplatz heraussuchen. Sie bekam vom Reisebüro eine Liste von „behindertenfreundlichen Hotels“ in 22 Ländern; im Ausland, wie der Sohn es sich wünschte. Sie sah sich die Kataloge der TUI-Veranstalter an: Betonburgen auf Mallorca und in Bulgarien, Israel und auf Sri Lanka, in Tunesien und Griechenland. Sie studierte, wieviel Freiraum zwischen Bett und Schrank in den Zimmern der jeweilig angebotenen Hotels zu erwarten ist, erfuhr die Breite der Tür, die Anzahl der Stufen, ob der Gehweg ums Hotel befestigt ist, ob das Hotel über eine Diätküche verfügt, wie nah Apotheke und Krankenhaus sind.

Gerührt las sie vom Besitzer des Passagierschiffes „Frankonia“, der sein Schiff für Behinderte umgebaut hat und zweimal im Jahr eine Vier-Tage-Reise für 50 Behinderte anbietet, mit ärztlicher Betreuung. Allerdings auch nur vor oder nach der Saison. Und sie las, daß es auch das noch gab: Da bot der Hamburger Rudolf Scholtz ein Ferienhaus auf Sylt an und verkündete im Prospekt: „Behinderte nicht zugelassen“, und das nicht etwa, weil das angebotene Reihenhaus für Behinderte nicht geeignet ist, sondern weil es „die Urlaubsqualität der anderen Urlauber“ beeinträchtigen würde, die man durch den Anblick von „geistig und körperlich behinderten Personen, gelinde gesagt, irritieren“ würde.

Sie ließ sich den Westberliner „Stadtführer für Behinderte“ schicken. Da wurde das absolut behindertengerecht ausgestattete Hotel „Mondial“ am Kurfürstendamm angepriesen, erstes Haus am Platze – für ihren Geldbeutel zu teuer. Doch es gab auch andere, die für Rollstuhlfahrer möglich wären, preiswertere. Im Museum für Völkerkunde existiert eine Abteilung für Blinde, empfehlenswert sei außerdem der Besuch des Berliner Zoos und des behindertengerechten Cafés „Blisse 14“.