Wer in Bonn auch die Randerscheinungen der großen Politik beobachtet, kommt gelegentlich auf den Gedanken, daß es viele Dinge in der Bundesrepublik Deutschland bald „offiziell“ nicht mehr geben wird. Denn immer mehr wird als „geheim“ eingestuft, bestenfalls noch als „vertraulich“, die niedrigste Stufe für das, was in und um Bonn nur einige wenige wissen sollen. Daß es sich hier keineswegs um eine unziemliche Interpretation Bonner, Usancen, sondern nur um die leicht überspitzte Wirklichkeit handelt, zeigt die nachstehende Realität.

Die neueste, soeben erschienene Auflage des „Handbuches der Bundeswehr“, für Wehr- und Rüstungsfachleute ein unentbehrliches Personenhandbuch über den gesamten Verteidigungsbereich, enthält erstmals nicht mehr als das, was dort in den vergangenen Jahren stets zu finden war – die Liste des sogenannten „Rüstungswirtschaftlichen Arbeitskreises“ (RÜAK). Dem Gremium gehören die bedeutendsten Rüstungsindustriellen an, um dort gemeinsam interessierende Fragen der Bundeswehr und der Industrie auszutauschen. Manfred Sadlowski, geschäftsführender Gesellschafter in der Verlagsgruppe Mönch, bei der das Bundeswehr Who ’s who erscheint, über die Weglassung der RÜAK-Liste: „Diese Liste wurde vor einiger Zeit mit der Geheimhaltungsstufe ‚vertraulich‘ versehen. Vermutlich war der Grund hierfür, daß nach meiner Kenntnis sehr viele Industrielle versucht hatten, in diesen erlauchten Kreis aufgenommen zu werden, mit Hinweis auf andere, die eigentlich nicht hineingehörten. Auf diese Weise entzieht sich die Hardthöhe einem Begründungszwang. “

Ein guter Teil der Geheimniskrämerei des Bonner Verteidigungsministeriums geht allerdings auch auf das Konto von Minister Manfred Wörner. SPD-Vorgänger Hans Apel meinte vor kurzem erst, unter Wörner habe sich die Geheim-Vermerkerei verzehnfacht. Perfekt ist sie immer noch nicht. So enthält das neue Bundeswehr-Handbuch Dinge, die eigentlich viel vertraulicher sind, als die banale RÜAK-Liste – etwa die vollständige Auflistung der Waffensysteme für Heer, Luftwaffe und Marine und die Bundeswehrplanung. Aber Wörners Geheimzensoren brauchen ja auch noch etwas zum Streichen für die nächste Handbuchausgabe. Irgendwann kann Sadlowski dann nur noch weiße Blätter binden lassen.

Die Affäre um Adolf Schultze vom Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung in Koblenz wird immer undurchsichtiger. Das Amt wehrt jede Stellungnahme ab, weil das Bundeskriminalamt (BKA) und das ES ermitteln. ES ist ein Sonderreferat im Bonner Verteidigungsministerium, das sich immer dann einschaltet, wenn Sonderfälle im eigenen Haus – etwa Bestechlichkeit – anstellen. Von letzterem ist auch die Rede bei Adolf Schultze, 55, im Koblenzer Bundesamt für die Panzerung von Fahrzeugen zuständig. Daß Schultze, mittlerweile fristlos entlassen, auch Geheimnisverrat begangen haben soll, wird vom Verteidigungsministerium dementiert. Die Koblenzer Staatsanwaltschaft hingegen bestätigt, daß dieser Vorwurf immer noch im Spiel sei, wofür nicht zuletzt die Tatsache spricht, daß Schultze in U-Haft sitzt und das nun schon seit Anfang August.

Worum es genau geht, sagt derzeit niemand, dafür stand und steht es dann im Bonner Informationsbrief „Wehrdienst“. Schultze habe angeblich, liest man dort, einige Exemplare einer geheimen Studie über gepanzerte Fahrzeuge der UdSSR außer Haus drucken lassen, und zwar ohne den amtlichen Geheimvermerk. Dafür war das Ding fein in Leder gebunden und soll sich gut genug gemacht haben, um es an einige Firmen, die mit Panzerung etwas zu tun haben, teuer verkaufen zu können. Wenn eine Studie trotz Geheimvermerk nach Ansicht des Verteidigungsministeriums plötzlich nicht oder nicht mehr geheim ist, scheint das nur einmal mehr ein Beweis dafür, daß in Bonn mit der Geheimstempelei großzügig, wenn nicht gar willkürlich umgegangen wird.

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Am Ende noch eine gute Nachricht aus fast heiler Welt: Horst Klaszen, Bonner Rüstungslobbyist der Firmen Elektronische System Gesellschaft und Gesellschaft für Logistik, durfte zu seinem 60. Geburtstag nicht mehr den erhofften Massenandrang aus Koblenz erwarten. Klaszen hatte zahlreiche Angehörige des Koblenzer Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung zu seiner privaten Geburtstagsparty nach Bonn eingeladen. Die großzügige Bereitstellung eines kostenlosen Bustransfers von Koblenz nach Bonn und zurück (siehe ZEIT Nr. 45) konnte leicht den Eindruck vermitteln, als habe er quasi das ganze Amt in der Tasche. Aber noch bevor ein solcher Eindruck öffentlich werden konnte, hat BWB-Vizepräsident Helmut Jores die Dinge hausintern geradegerückt. Jores ermahnte die Beamten zur Zurückhaltung und verfügte, der Einladung solle nur folgen, wer unbedingt müsse. Einlader Klaszen wurde überdies gebeten, von der „Busgestellung abzusehen“, weil – so Jores – „eine Busfahrt auf Kosten der Firma nicht in Frage kommt“. So leicht sind deutsche Behördenangehörige nun doch nicht „einzukaufen“, wenigstens nicht zum sechzigsten Geburtstag irgendeines Lobbyisten.

Wolfgang Hoffmann