Von Roland Kirbach

Coesfeld

Im Februar dieses Jahres beantragte die Fraktion der Grünen in einer Finanzausschußsitzung des Coesfelder Kreistags, die Kreisverwaltung als zuständige Behörde möge ein Gutachten über die Mülldeponie Coesfeld-Höven und die „Gefährdung für die Umwelt“ in Auftrag geben. Konkrete Anhaltspunkte, daß dort womöglich eine chemische Zeitbombe tickt, gab es zwar nicht. Aber, so lautete die Begründung der Grünen, der angelieferte Müll werde vom Deponie-Personal überhaupt nicht kontrolliert. Niemand könne daher ausschließen, daß dort nicht vielleicht doch brisantes Gut lagert.

Oberkreisdirektor Mathias Goß forderte die Grünen daraufhin auf, „Ihre Behauptung entweder zu konkretisieren oder sie ... schriftlich zurückzunehmen“. Denn der Antrag unterstelle, „daß Mitarbeiter der Kreisverwaltung sich einer Dienstpflichtverletzung schuldig gemacht hätten“.

Nun waren die Grünen in Beweisnot. Zurücknehmen mochten sie ihre Behauptung nicht, also beschlossen sie, die behaupteten Fakten selbst zu schaffen. Sie besorgten sich ein Faß, besprühten es mit roter Farbe und klebten drei gelbe Warnschilder drauf: „Giftig!“, „Explosiv!“, „Radioaktiv!“. Das Frachtgut war freilich narmlos, es enthielt nur Wasser sowie ein paar Spritzer Speiseöl und einen Schuß Lebensmittelfarbe. Zu sechst fuhren sie dann, in drei Autos, zur Deponie; im mittleren Wagen lag das Faß. Nachdem sie „unkontrolliert und unbehelligt“ das vermeintliche Gefahrengut hatten abladen können, informierten sie aufgeregt den Deponiewärter: „Da hinten liegt ein Giftfaß!“

Der Wärter alarmierte umgehend die Kreisverwaltung; die wiederum schaltete das Staatliche Amt für Wasser- und Abfallwirtschaft in Münster sowie das Gewerbeaufsichtsamt in Coesfeld ein. Feuerwehr, Schutz- und Kriminalpolizei rückten an. Das Deponiegelände wurde abgeriegelt, das Faß „zu Sicherungszwecken“ in eine Eisentonne gesteckt und abtransportiert. Viereinhalb Stunden dauerte der Einsatz, mehrere Tage lang analysierten Experten des Staatlichen Amts für Wasser- und Abfallwirtschaft sowie des Chemischen Landesuntersuchungsamtes in Münster den Faßinhalt.

Die Grünen, meinte die Allgemeine Zeitung in Coesfeld, erbrachten zwar „den Nachweis, daß ohne große Mühe in Höven Giftstoffe abgelagert werden können“, jedoch hätten sie ihr Ziel „auch weniger aufwendig“ erreichen können. Denn daß mehrere Behörden „mit überflüssigen Vernehmungen und Recherchen befaßt gewesen sind, mache die Aktion eher zu einem „Bumerang“. Zwar informierten die Grünen noch am selben Tag die Redaktionen der Lokalzeitungen über ihre „Sensibilisierungsaktion“, der Kreisverwaltung schickten sie jedoch lediglich einen Brief, den Oberkreisdirektor Goß erst drei Tage später – es lag ein Wochenende dazwischen – erhalten haben will. Allerdings, sagt Goß, auch wenn er umgehend aufgeklärt worden wäre, hätten die Behörden nicht anders gehandelt. Denn auch eine Entwarnung hätte „ja wieder so ein Trick“ sein können.