Von Claus Leggewie

Krefeld

Wohl täglich müssen dem Pensionär Wolfgang Otto im niederrheinischen Geldern die Ohren klingen. Denn mehrmals am Tag spricht man im ehemaligen KZ Buchenwald, an der Ernst-Thälmann-Gedächtnisstätte, anklagend seinen Namen aus. Schulklassen aus Erfurt und Kassel, Sowjetsoldaten, junge Pioniere und Touristen aus dem Westen und dem Osten bekommen zu hören: Wolfgang Otto, einer der Mörder Ernst Thälmanns, lebe friedlich in der Bundesrepublik, unbehelligt von der Justiz, in der der ehemalige Nazi Fürsprecher habe.

„Die Mörder leben unter euch!“ – seit Dienstag wird dieser Standardtext-Ost ein wenig anders lauten müssen. Der 73jährige Wolfgang Otto steht vor den Richtern des Landgerichts Krefeld, angeklagt „wegen vorsätzlicher Beihilfe zu der vorsätzlich und rechtswidrig, heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen begangenen Tötung des vormaligen Vorsitzenden der KPD und Reichstagsabgeordneten Ernst Thälmann“. Wolf gang Otto gehörte nach den Erkenntnissen des Staatsanwalts zum „Kommando 99“, das in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1944 einen der prominentesten Häftlinge des NS-Regimes in der „Genickschußanlage“ mit vier Schüssen umgebracht hat. Er selbst bestreitet, mit dem Mord etwas zu tun gehabt zu haben.

Vor Gericht steht ein alter Mann, der aber noch rüstig genug ist, um über sechs Stunden Verhandlung durchzustehen.

Die Nazis haben immer bestritten, Thälmann umgebracht zu haben. Sie behaupteten, er sei einem alliierten Luftangriff auf Munitionsfabriken neben dem Lager Buchenwald zum Opfer gefallen, ähnlich wie der inhaftierte SPD-Abgeordnete Rudolf Breitscheid, dem es tatsächlich so erging. Doch eindeutig hieß es unter Punkt zwölf auf dem Merkzettel Heinrich Himmlers, den er im August 1944 mit in den Führerbunker nahm: „Thälmann ist zu exekutieren“.

Das nahende Ende der Diktatur war gewiß; erst jetzt trauten sich die Nazis an einen Gegner heran, den sie zuvor elf Jahre lang wegen anhaltender Beliebtheit bei den deutschen Arbeitern nicht zu töten gewagt und in den Zuchthäusern Moabit, Hannover und Bautzen in Isolationshaft gesperrt hatten, denn „Teddy“ Thälmann genoß vor seiner Inhaftierung nach dem Reichstagsbrand das Vertrauen von immerhin sechs Millionen Wählern, war Chef der stärksten KP der Welt und sah – in grausamer Verkennung der Realitäten – Sowjetdeutschland kommen und in den „Sozialfaschisten“ der SPD den ärgsten Feind.