Im Lande herrscht Aufbruchstimmung, doch der Fortschritt stellt sich nicht so schnell ein

Von Gabriele Venzky

Als Indira Gandhi vor einem Jahr ermordet wurde, schien Indien ins Chaos zu stürzen. Heute präsentiert es sich selbstbewußt und risikofreudig auf dem schwierigen Weg in die Moderne.

Delhi, im November

Vor einem Jahr, als Indira Gandhi ermordet wurde, stockte Indien der Atem. „Indira ist Indien, und Indien ist Indira“ – dieser mitreißende Slogan hatte nicht nur die eigene Nation glauben lassen, ohne Indira könne es nicht gehen. Schon die nächsten Tage schienen den Beweis zu bringen: Vier Tage lang lief der Hindu-Mob in den Dörfern und Städten des Nordens Amok, plünderte, brandschatzte, vergewaltigte, mordete. Rauchsäulen über Delhi, Bürgerkrieg im Lande, wütende Rache an der Minderheit der Sikhs, von denen zwei, Indiras Leibwächter, die Premierministerin kaltblütig niedergeschossen hatten. Es war, wie sich bald herausstellte, ein von der regierenden Congress-Partei gesteuerter Rachefeldzug, der einer tatenlos zusehenden neuen Regierung in Delhi aus der Hand geriet. Indien taumelte ins Chaos.

Daß erst zwölf Monate seit jenem verhängnisvollen 31. Oktober vergangen sind, scheint kaum glaublich. Ein neues, selbstbewußtes Indien, das nicht mehr von Zweifeln zerquält wird, stellt sich vor, ein Land, in dem ein neuer Wind weht und Aufbruchstimmung herrscht: „In den vergangenen Monaten bin ich viel gereist. Unter anderem war ich in der Sowjetunion und in den Vereinigten Staaten und habe die indische Flagge noch höher gehißt. Heute kann jeder Bürger Indiens aufrecht dastehen und mit Stolz erklären, daß Indien in jeglicher Hinsicht unabhängig und mächtig ist und sich von niemandem unter Druck setzen läßt.“

Diese Sätze sind typisch für Rajiv Gandhi. So selbstbewußt und selbstverständlich hat noch keiner seiner Vorgänger das Wort „Stolz“ in den Mund genommen, weder seine Mutter Indira, die eher bereit war, voller Unsicherheit sich selbst an die Brust zu schlagen und deren Pathos häufig hohl klang, noch sein Großvater Jawaharlal Nehru, der in großen Visionen seine Zuflucht suchte.