El Salvador: Miguel Marmol und der verlorene Aufstand von 1932

Von Michael Stührenberg

Ich traf Miguel Marmol im Garten einer weißen Villa in Havanna. Vor der Castro-Revolution hatte die Villa einem Freund des Diktators Batista gehört. Nun diente sie als Erholungsstätte für ausgediente Kämpfer der „gerechten Sache“, die Invaliden zahlloser Revolutionen und Waisen verlorener Hoffnungen.

Im Schatten der hohen Gummibäume spielte ein salvadorianischer Junge. Daß es ein Junge war, merkte ich erst, als ihn jemand beim Namen rief: Teofilio ... Sein Gesicht bestand aus dem, was eine Brandbombe in den Bergen von Guazapa davon übriggelassen hatte, nicht sehr viel. Teofilios bester Freund in der Villa war der 80jährige Marmol, und als Freund durfte er ihn „Miguelito“ nennen. Miguel Marmol! Der Mann, der seine eigene Hinrichtung überlebte, Kampfgefährte Farabundo Martis und Held zweier Revolutionen, von denen er keine gewann – eine gebückte Gestalt aus „Hundert Jahre Einsamkeit“. Miguel Marmol, gebürtig aus Ilopango bei San Salvador, Schuster von Beruf, war der einzige überlebende Führer des großen Bauernaufstandes von 1932.

1932, das ist lange her, mehr als fünfzig Jahre. Zwei salvadorianische Generationen liegen zwischen damals und heute. Und doch ist es schwer, das Heute zu verstehen, ohne das Damals zu kennen, jene schwarzen Januartage, als die Oligarchie Zehntausende von aufständischen Campesinos niedermetzeln ließ. Den Oberbefehl führte General Maximiliano Hernandez Martinez, der dann noch 13 lange Jahre als Patriarch über El Salvador herrschte. Manche schätzen die Zahl der Opfer auf 30 000. Andere meinen, es seien 50 000 oder gar noch mehr gewesen. Aber für die Geschichte hat man sich schließlich auf 30 000 geeinigt.

Wichtiger als jene Zahlen waren die bleibenden Spuren der großen Matanza (Massaker). Für die Oligarchie löste sie das schwierige Problem, das sich ergibt, wenn vierzehn Familien ein zu kleines Land mit zu vielen Einwohnern beherrschen und dabei nur ein Ziel vor Augen haben: daß alles so bleibt, wie es ist. Für General Martinez war die Matanza eine Gelegenheit, auf ewig in die Geschichte einzugehen. Er diente als historisches Vorbild für den „Herbst des Patriarchen“, eines der Hauptwerke des Kolumbianers García Marquez. Darüber hinaus hinterließ er einigen seiner Landsleute eine konkrete Vorstellung davon, wie man mit resolutem Durchgreifen die hartnäckigsten Schwierigkeiten aus der Welt schaffen kann: Noch jetzt trägt eine salvadorianische Todesschwadron seinen Namen.

Andere schließlich versuchen, die Dimensionen der Ereignisse jener Zeit durch geschichtliche Vergleiche zu erfassen, so etwa Miguel Marmol, wenn er meint: „Ich glaube, daß das Drama von 1932 für El Salvador ungefähr den gleichen Stellenwert besitzt wie die Nazi-Barbarei für Europa oder die amerikanische Barbarei für Vietnam. Von jenen unheilvollen Tagen an waren wir andere Menschen und El Salvador war ein anderes Land. Das heutige El Salvador ist das Werk der damaligen Barbarei.“