Endlich vollendet: das Kulturzentrum am Gasteig

Von Manfred Sack

Sonntag, der 10. November, ist ein wichtiger Tag für München. Er beginnt morgens um halb zehn mit den Volkshochschul-Seminaren "Arbeitslos – was nun?" und "Erfolgreich selbständig". Eine Stunde später wird dort "Kreative Aggression" trainiert, und während sich um elf Uhr Leute zum Schnitzen, Malen und Modellieren treffen, haben sich hundert Meter nebenan 2400 geladene Gäste zum eigentlichen Ereignis versammelt: in dem weiten, hellen, schönen Saal, dessen Vollendung Anlaß für den wichtigen Tag in München ist. Bundespräsident Richard von Weizsäcker und Bürgermeister Georg Kronawitter werden, von beziehungsreicher Musik (von Orff, Pfitzner und Wagner) eingerahmt, die Münchner Philharmonie eröffnen. Mit dieser Zeremonie wird ein Spektakel beendet, das die Münchner länger als ein Jahrzehnt bewegt, bisweilen hell empört und die Zeitungsleser im Lande belustigt hat. Das Kulturzentrum, nach der (münchnerisch) gach, also jäh ansteigenden Straße am jenseitigen Hochufer der Isar hinfort das "Gasteig" genannt, ist fertiggestellt.

Endlich! hört man – aber damit ist weniger gemeint, daß nun alle vier in diesem ausladenden Komplex versammelten, um die Verbreitung von Wissen, Können und Vergnügen bemühten Institutionen behaust sind, als daß nun das ganze Theater endlich vorüber ist. Nun, hofft gewiß nicht nur der für die Kultur in seiner Fraktion zuständige Stadtrat Lottmann von der SPD, "wird alles vergessen sein, was an negativen Schlagzeilen über den Gasteig verlautete".

Und das waren ziemlich starke Worte. Die Kritik lärmte mit grimmigem Vergnügen und baute, oft halbblind und sprachlos vor Unmut, schreckliche Bilder auf: Kulturmonster, Kulturmaschine, Kulturkoloß und -bunker, -dampfer, -kästen. Die einen dachten an Fabriken und Bürosilos, die anderen glaubten München von einer aus dem Gasteig wachsenden "erdrückenden Felswand" bedroht, viel schlimmer noch, von einem "der Architektur des Faschismus verwandten Monster", ja, einer Reichskanzlei. Und wieder jemand anders steckte seinen Zorn in den Fluch, da entstehe "eine einzigartige Gemeinheit".

Doch nun, da der mit Backsteinen verblendete, ach, noch schlimmer: "mit Lehmziegeln verpappte Flakbunker", diese "Donnerschlag-Dominante", kurzum das Kulturzentrum Gasteig vollendet ist, fangen auf einmal auch die bösen Zungen an zu schnalzen. Das leidenschaftlich mit Injurien beworfene, beharrlich hergestellte "vertrackte Ding" hat einen Erfolg, wie ihn sich selbst der zu Optimismus verpflichtete Kulturreferent Jürgen Kolbe in seinen "kühnsten Träumen nicht hätte ausmalen" können:

Die Zentrale der Stadtbibliothek – eine halbe Million Besucher schon im ersten Jahr nach der Eröffnung 1983, an "Spitzentagen" an die dreitausend Besucher und dreimal so viel Entleihungen;