Dieser Raum lockt auch mit einer schönen Aussicht. "Wir erfuhren", erzählen die Architekten, "daß der Gasteig während vieler Jahrhunderte beliebtes Ausflugsziel war und von hier aus viele berühmte Stadtansichten gestochen und aquarelliert wurden" – nicht zuletzt deshalb fügten sie dem wuchtigen, kantig gebrochenen Kopfbau (der flüchtig an Melnikows Moskauer Straßenbahnerclub von 1928 erinnert) ein gläsernes Treppenhaus wie einen haushohen Erker vor, von dessen Planformen man einen wunderbaren Blick auf die Turmsilhouette der Innenstadt hat.

Erinnerung an Piranesi

Nähert man sich dem Gebäude von der Stadt her, wirkt diese Erkerfigur, die im ersten Entwurf viel mehr Charakter hatte und nun mit ihren prismatischen Brechungen an eine Orgel erinnern soll, zu verspielt, zu dekorativ. Und sie täuscht den Ankommenden: Der Eingang ist ja nebenan. Und wer dort ankommt, dem öffnet sich nicht gleich das Abenteuer dieser auf Piranesis Carceri-Stiche sich beziehenden Raumlandschaft, er starrt gegen eine niedrige Decke, an der er seitlich treppauf gehen muß. Man weiß, daß dieser Eingang den Architekten oktroyiert wurde. Wenn auch: Das ist kein Eingang für eine Philharmonie.

Alle Institutionen bestehen aus einer Vielzahl von Räumen; doch gemeinsam sind allen die kommunen Säle, deren Gebrauch sie sich teilen: der Vortragssaal der Bibliothek; die in dunklen Blautönen gestrichene Black Box, ein kompaktes, technisch raffiniert ausgerüstetes, variables Experimentiertheater mit etwa 200 Plätzen. Es folgt sodann, immer weiter am Foyer-Band, eine formal verwandte Saalfamilie, deren Kennzeichen die Asymmetrie und eine schräge Wand sind. Da ist zueist der rundherum getäfelte Kleine Konzertsaal mit 190 leicht ansteigenden Sitzen, die Decke mit einem auffallend schönen geometrischen Ornament gezeichnet. Da ist der Carl-Orff-Saal mit etwa 600 Plätzen, konzipiert als Mehrzwecksaal mit Mittelbühne, versenkbarer (Orchester-)Vorderbühne, gedacht für kleine Opern, Konzerte, Tanztheaterstücke, Filmvorführungen.

Der dritte Saal ist der philharmonische. Er wir Münchens Sehnsucht, er wurde zum Prunkstück des ganzen Bauwerks. Er steigt amphitheaterartig an, ziemlich forsch. Er fächert sich vom (Hub-)Podium her weit auf und beschreibt, sich dabei wölbend, etwa die Form eines Herzens. In seinem Zwickel ist die Sinnesänderung der Hausherren verewigt: Sehr geschickt (und unter unendlichen technischen Mühen) entworfen, sollten die beiden hinteren Partien des Saales abgetrennt werden können; nun trennt das Publikum nur noch der übriggebliebene, in den Saal ragende Sport, weil die Teleskop-Trennwände plötzlich nicht mehr gewollt waren. Das Relikt freilich nimmt dem Saal nichts von seinem ästhetischen Fluidum. Er ist ringsum mit amerikanischer Roteiche ausgeschlagen, ein warm getönter, heller Saal von schwingender Weite.

Bei jedem scharfen Blick (auf die Wände, deren Bretter allesamt ganz leicht gewölbt sind), bei jedem Schritt (durch die breiten Sitzreihen, die seitlich leicht ansteigen), bei jedem Blick an die Wände und die Decke (mit inren gebauschten Segeln und ihren gestreiften, scharf gebrochenen Wolken) sieht man die Wissenschaft im Hintergrund: Dieser Saal ist die erstaunliche Symbiose von Architektur und Akustik. Er ist, wenn man ihn mit den berühmten alten rechteckigen Sälen der Musikgeschichte vergleicht, ein dekorierter Saal wie sie – nur ist das illustre Personal aus Mythen und Allegorien und dem Musenhimmel ausgetauscht gegen den wellenschlagenden, Klänge brechenden Schmuck der Segel.

So vollkommen gestaltet sind sonst nur wenige Räume im Gasteig. Den größten Ehrgeiz spürt man in der Bibliothek: ein weitläufiges, oft halbgeschossig versetztes, dadurch viele interessante Blicke eröffnendes Arrangement von offenen Räumen auf einem trapezförmigen Grundriß.