Von Hanns Grössel

Zwischen 1977 und 1981 sind fünf Romane von Patrick Modiano auf deutsch erschienen, teils im Ullstein-, teils im Propyläen-Verlag. Die Resonanz darauf war schwach, gelegentlich auch negativ; so nannte Werner Ross in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Modiano im selben Atemzug mit Françoise Sagan und erklärte (sehr zu Unrecht) dessen Bücher zu „glatten Erzeugnissen der Modebranche“.

Der Suhrkamp Verlag hat. jetzt mit dem Autor einen neuen Versuch gemacht und einen Roman von ihm herausgebracht, der 1981 in Paris erschienen ist –

Patrick Modiano: „Eine Jugend“, Roman, aus dem Französischen von Peter Handke; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1985; 187 S., 28,–DM.

Die Perspektive von Modianos Büchern ist rückgewandt; erzählen heißt bei ihm Vergangenheit nicht bloß beschwören, sondern herstellen. Seine Figuren sehnen sich nach Identität – einer Identität, die sie durch Spurensuche in ihrer Vorgeschichte aufzubauen und zu festigen versuchen. Das kann immer nur in Annäherungen gelingen: „Verwaist, wie wir sind, sind wir dazu verdammt, auf der Suche nach den Vätern einem Phantom nachzujagen“, heißt es in einem von Modianos früheren Romanen.

Auch Louis Memling, die Hauptfigur von „Eine Jugend“, ist Waise und scheint seine Eltern – der Vater Radrennfahrer, die Mutter Schlagersängerin – nicht gekannt zu haben. Er ist unter Vormundschaft aufgewachsen, hat eine Heimschule besucht und danach seinen Wehrdienst abgeleistet.

Die gleichaltrige Odile lernt er in Paris kennen, wo sie sich als Sängerin zu profilieren hofft. Ihr Vater ist unbekannt, die Mutter hat von „kleinen Schwindeleien ... Liebschaften ... Schwarzmarkt ...“ gelebt, und auch Odile ist ins Strafregister geraten; deshalb kann die Polizei sie festhalten und als Lockvogel für einen Sexualverbrecher benutzen.