Von Roger de Weck

In der Entwicklungspolitik war von deutschfranzösischer Freundschaft bislang wenig zu spüren, dafür um so mehr von deutsch-französischer Rivalität. Denn beim 46. deutsch-französischen Gipfeltreffen am Donnerstag und Freitag in Bonn soll das „Europäische Freiwilligen-Programm“ aus der Taufe gehoben werden: Vom nächsten Frühjahr an werden in der Sahel-Zone junge Entwicklungshelfer aus der Bundesrepublik und Frankreich Hand in Hand zusammenarbeiten.

Ende Juni 1984 hatte der Europäische Rat die Öffentlichkeit mit einer etwas wirren Erklärung überrascht. Damals verkündeten die südlich von Paris im Schloß von Fontainebleau versammelten Staats- und Regierungschefs der EG, sie wollten „die Jugend anregen, an den Maßnahmen der Gemeinschaft außerhalb ihrer Grenzen teilzunehmen“. Die Zehn befürworteten „die Einsetzung nationaler Ausschüsse von europäischen Entwicklungshelfern, denen junge Europäer angehören, die in der Dritten Welt mitarbeiten wollen“.

Hinter der umständlichen Formulierung verbarg sich indessen eine einfache Überlegung: wenn es gilt, das „Europa der Bürger“ einzurichten und das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu fördern, dann muß vor allem die Jugend angesprochen werden. Wie aber läßt sich die heranwachsende Generation angesichts der wuchernden Bürokratie, der ewigen Streitereien ums Geld und der eher abstoßenden Agrarpolitik noch für den europäischen Gedanken begeistern? Das kann nur gelingen, wenn die EG Themen und Aufgaben anpackt, die junge Menschen ansprechen und motivieren können. Wenn dabei in der praktischen Entwicklungshilfe auch noch die nationalen Schranken überwunden und den Jugendlichen die Möglichkeit eines gemeinsamen Einsatzes in der Dritten Welt eröffnet werden, dann könnten solche Pläne in ihren Augen eine andere Qualität gewinnen.

In Fontainebleau stand dabei zunächst die vage Idee eines europäischen Peace Corps im Hintergrund, wie es gut zwei Jahrzehnte zuvor in den Vereinigten Staaten von Präsident John F. Kennedy ins Leben gerufen wurde. Nach alter EG-Tradition ließen die Staats- und Regierungschefs ihren guten Vorsätzen freilich noch lange keine Taten folgen. Es vergingen acht Monate, bis im Februar dieses Jahres beim deutsch-französischen Gipfeltreffen der Plan eines Entwicklungshilfekorps wieder aufgegriffen wurde. Präsident Mitterrand und Bundeskanzler Kohl einigten sich darauf, auch ohne die anderen europäischen Partner einen ersten Schritt zu machen.

Treibende Kraft waren allerdings die Franzosen, während die Deutschen eher bremsten – nicht von ungefähr. Deutsche Afrika-Diplomaten und Entwicklungshelfer haben immer wieder erfahren müssen, wie rabiat Frankreich seine Interessen und seine Vormachtstellung auf dem Schwarzen Kontinent gegen Eindringlinge zu verteidigen weiß. Von deutsch-französischem Einvernehmen ist in Afrika mitunter wenig zu spüren. So argwöhnte man in Bonn, die finanzschwachen Franzosen wollen jetzt „mit deutschem Geld, aber unter französischer Flagge“, Entwicklungshilfe leisten.

Dennoch ließ sich die deutsche Seite in Verhandlungen ein, die sich lange hinzogen. Ein halbes Dutzend Mal trafen sich in Paris und in Bonn Vertreter des Ministére de la Cooperation und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, bis das Vorhaben endlich Kontur gewann. Man einigte sich auf einen bescheidenen ersten Versuch mit je etwa dreißig angehenden Entwicklungshelfern aus Frankreich und der Bundesrepublik. In den – fast ausnahmslos frankophonen – Ländern der Sahelzone und Umgebung sollen die Achtzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen vor allem im Kampf gegen die immer rascher vordringende Wüste eingesetzt werden.