Von Ludwig Hang

Auffallend heftig, nach Jahren der realistischen Fetisch- und Fußkunst, geht der Drang in die Luft. Ein Jahrzehnt lang und länger herrschte die Magie der Planmachen, das Credo der Froschperspektivisten, die der Schönheit auf die Beine gestellter Beine außerordentliche Attraktivität zuschrieben; Salti mortali und Flicflacs, auch einfache Gänge am Wasser oder in der Luft waren verpönt. Mit anderen Worten: es darf wieder gespielt werden, es darf auch wieder in der Wiese gewälzt und im Wald gesungen werden.

In den „Springener Protokollen“ des „Werckreises Literatur der Arbeitswelt“ hieß es noch: „Bei der Diskussion des Schönheitsbegriffs kamen wir noch auf die Frage, ob im Rahmen des Werckreises eine Naturidylle geschrieben werden dürfe oder nicht“, und als Antwort lese ich: „Wenn das in der ,Idylle‘ nicht zum Ausdruck kommt (Umweltverschmutzung, Privatisierung von Boden, Zersiedlung, Arbeitsstreß), und damit die Frage nach der gesellschaftlichen Ursache, hätte sie zweifellos einen elitären Charakter und wäre damit weder realistisch noch wirklich schön.“

Nun gibt es, in der ernst zu nehmenden Literatur als Kunst, ohnehin keine Idylle, in der die zitierten „Ursachen“ nicht auch vorkämen, nur nicht in dieser platten argumentativen, dieser kausalitätsgläubigen nivellierenden Weise, die sich für gegenwartsbezogen und zukunftsorientiert hält, deren Verfechter aber schon Heine, ein Wortfex, „kleine analytische Geister“ nennt und sagt: „Erstere scheitern sehr oft, da keine menschliche Klugheit alle Vorfallenheiten des Lebens voraussehen kann und die Verhältnisse des Lebens nie lange stabil sind.“

Die anderen sind die Phantasten, die Intuitiven, wie Heine sagt, und sie verbinden sich mit der Form, so paradox es immer klingen mag. Was auch der kleine Werkkreisfritz sich unter der Schönheit der Kunst vorstellen mag, es muß „echt“, es muß „ehrlich“ sein „und auch ganz allgemeinverständlich“.

Schon das Vorwort des „Tintenfisch 20“ von Michael Krüger und Klaus Wagenbach sagte: „Bestätigungslektüre: Sieh da, anderen geht es ebenso. Auf diese Weise wird neuerdings wieder öfters für Literatur gehalten, was nur Ehrlichkeitskitsch ist.“ Dann wird eine neue Arbeitshypothese formuliert, worin es heißt, „daß Ihnen, den Lesern, die heiteren und die bitteren Anstrengungen der Kunst nicht erspart bleiben.“

So sind die Luftbilder wieder bitter nötig geworden, die Entwürfe der Phantasten, die Pläne der Erfinder: Die Aufschwünge der poetischen Aviatiker rücken wieder in den Mittelpunkt der Betrachtung, und das Fliegen, nicht nur als spielerisches Entbinden von allem Zwang der Verhältnisse, sondern als phantasievoller Freiheitsdrang gegen alle „Gewichte der Welt“, wie Bloch sagt, ist notwendiger geworden, als es die Werkkreisapologeten für möglich halten.