Norfolk/Virginia, im Oktober

Eine dichte Menschenmenge drängte sich am Kai. Stolz schwenkte jung und alt Fähnchen und streckte Transparente mit bunten Willkommensgrüßen in die Luft. An Bord des Flugzeugträgers USS Nimitz hingen die Matrosen an der Reling, preßten ihre Ferngläser an die Augen und hielten nach Eltern, Frauen und Kindern Ausschau. Vorsichtig wurde der stählerne Koloß in den Hafen manövriert. Nach sieben Monaten auf hoher See kehrte diese schwimmende Stadt von 91 400 Bruttoregistertonnen mit ihren 6500 Mann Besatzung in den Heimathafen zurück. Auf der U.S. Naval Base von Norfolk, Amerikas größtem Kriegshafen, war alles für den Empfang vorbereitet: Die Babys plärrten und die Sektkorken knallten.

Nur Rachel Sara Walker war an diesem Tag daheim geblieben. Auch ihr Mann Michael hatte im Frühjahr als Matrose an Bord der Nimitz Norfolk verlassen. Kurz darauf wurde er als „Seemann des Monats“ ausgezeichnet. Doch nun fehlte er bei der freudigen Heimkehr. Schon seit Monaten wartete er in einer Gefängniszelle auf seinen Prozeß.

Am 22. Mai hatte die Nimitz im Hafen von Haifa Anker geworfen. Beamte der amerikanischen Bundespolizei FBI kamen an Bord. Sie verhafteten Michael Walker wegen Landesverrats. Sein Vater John war bereits zwei Tage zuvor der Polizei in eine Falle gegangen; Onkel Arthur wurde kurze Zeit später in Handschellen abgeführt. Jahrelang hatte die Seemannsfamilie einen weltweiten Spionagering gebildet. Alle drei hatten in der amerikanischen Kriegsmarine gedient und zur gleichen Zeit florierenden Handel mit allen militärischen Geheimnissen, deren sie habhaft werden konnten, betrieben.

Michael Walker bediente beispielsweise an Bord des Flugzeugträgers eine Maschine, mit der Dokumente aller Geheimhaltungsstufen hätten vernichtet werden .sollen. Doch der junge Matrose hielt nichts von derlei Verschwendung. Noch kurz vor seiner Verhaftung schrieb er an seinen Vater: „Wenn ich so weitermache, wie bisher, dann werde ich bald fünfzig Kilo an Souvenirs gesammelt haben. Wie soll ich das alles verstauen.“ Die FBI-Agenten, die Michael Walkers Koje durchsuchten, stießen auf einen Aktenberg, der bereits knapp sieben Kilo wog.

Der Bedarf an Dokumenten war nicht zu stillen: Der sowjetische Geheimdienst KGB kaufte en gros, und Vater John Walker, Initiator und Organisator des Unternehmens, hungerte jeder Information entgegen, so nichtig sie auch scheinen mochte.

Noch immer fehlt der amerikanischen Spionageabwehr ein genauer Überblick. Denn selbst nachdem Onkel Arthur, geständig, aussagewillig, doch leider wenig informiert, im August schnell und unspektakulär abgeurteilt worden war, verweigerten Vater und Sohn jegliche Auskunft und leugneten rundweg, jemals Verrat begangen zu haben.