Augsburg

Es hatte den Anschein, als sei der Regierungsrat Hartmut Görs auf dem Weg zu seinem Büro im Münchner Finanzministerium. Der 30 Jahre alte Beamte trug einen unauffälligen grauen Anzug und hielt eine Aktentasche in der Hand, als ihn ein Nachbar an diesem Montag – es war der 24. September des letzten Jahres – gegen zehn Uhr in der Nähe des Augsburger Hauptbahnhofes sah Niemand konnte ahnen, daß zu diesem Zeitpunkt die Frau des Hilfsreferenten für Besoldung, die 30 Jahre alte Ingrid Görs, und seine beiden Kinder, Stefanie, drei Jahre alt und der einjährige Michael, schon fast zwei Tage tot waren – die Frau erdrosselt, die Kinder erstickt. Hartmut Görs, der junge Jurist mit allen Aussichten auf Karriere, war an diesem Morgen nicht auf dem Weg ins Büro. Er war auf der Flucht.

Vier Monate lang blieb er verschwunden, die Ausburger Polizei und die Staatsanwaltschaft suchten mit einem internationalen Haftbefehl nach ihm. Erst am Mittag des 21. Januar wurde er am Grenzübergang des Basler Bahnhofs festgenommen. Obwohl Görs seinen Namen im Reisepaß in „Göbsel“ umgeändert und sein Äußeres verändert hatte – er trug keinen Vollbart mehr, und die Haare waren kürzer geschnitten als auf den Fahndungsphotos – wurde er von einem Grenzbeamten erkannt. Sein Gepäck: eine Reisetasche und eine Plastiktüte.

Seit heute steht der 31 Jahre alte Hartmut Görs, der als liebevoller Vater, angenehmer Kollege und freundlicher Nachbar geschildert wird, wegen dreifachen Totschlags vor einem Augsburger Schwurgericht. Bei allen Verhören durch Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft hatte er von seinem Recht Gebrauch gemacht, sich nicht zu äußen, die Hintergründe der Tat und auch das Motiv seien nicht zu klären gewesen, sagte der Staatsanwalt und ließ die Anklage wegen Mordes fallen.

Wird der Prozeß klären können, was seit der Nacht zum 23. September letzten Jahres (da soll Hartmut Görs seine Familie getötet haben) in dem jungen Mann vorgegangen ist? Der Vorsitzende Richter Helmut Fey, ein alter, erfahrener Strafricher, wird wohl allein auf die Aussagen der 80 Zeugen und Sachverständigen angewiesen sein.

Die vielen Rätsel, die dieser Fall von Anfang an der Polizei aufgegeben hat, mögen der Grund dafür sein, daß diese Kriminalgeschichte nicht nur auf den Lokalseiten der Augsburger Allgemeinen stand. Hartmut Görs brauchte während seiner Flucht durch halb Europa nur deutschsprachige Zeitungen und Illustrierte zu lesen, um über die neuesten Erkenntnisse der Polizei auf dem laufenden zu bleiben. Obendrein geriet er kurz nach seinem Verschwinden in Spionageverdacht, die „äußeren Umstände“ seiner Flucht waren der Bundesanwaltschaft Anlaß genug. Dieses Ermittlungsverfahren wurde später geräuschlos eingestellt.

Auf das Verschwinden einer kompletten Familie konnte sich auch die Augsburger Kriminalpolizei anfangs keinen Reim machen. Hartmut Görs’ Eltern hatten eine Vermißtenanzeige erstattet, Kripobeamte fanden das schmucke Reihenhaus der Familie im Augsburger Stadtteil Hochzoll so vor, als seien seine Bewohner gerade eben noch dagewesen. Nichts deutete auf Gewalt hin. An jenem Abend, an dem Ingrid Görs und ihre Kinder starben, hatte sich die ganze Familie mit Nachbarn über den Gartenzaun hinweg freundlich unterhalten.