Braunschweig

Herzog Heinrich der Löwe ließ ihn im Jahre 1166 auf den Burgplatz zu Braunschweig stellen, und unbehelligt zeugte der Löwe in Bronze über achthundert Jahre von Macht und Ruhm der Welfen. Doch in jüngster Zeit entzündeter sich am Standbild Spott und Streit. Seit das Kunstobjekt von höchstem Rang, das Hoheitssymbol des Herzogtums und Wappentier der Stadt, 1980 zur Restaurierung von seinem Postament geholt worden ist, wurde es zum Zankapfel zwischen der Stadt Braunschweig und dem Land Niedersachsen. Beide nämlich halten sich für die rechtmäßigen Erben des Burglöwen, beide nehmen das Recht in Ansprach, über seinen künftigen Standort zu bestimmen. Den luftigen Sockel jedenfalls mögen die Kunstexperten dem Löwen nach seiner Restaurierung nicht mehr zumuten.

Bislang blieb Heinrichs Bronzebestie vom Schicksal notarieller Verwahrung oder vom Zugriff des Gerichtsvollziehers verschont; bis zum 24. November herrscht Burgfrieden in Stadt und Land. So lange noch ziert der Löwe im Braunschweigischen Landesmuseum die Landesausstellung „Stadt im Wandel“, zum Ärger des Veranstalters jedoch nur als „Leihgabe“ der Stadt. Nach Abschluß der Ausstellung soll die Stadt die Bronzeplastik wieder abholen dürfen – vorausgesetzt, der Kontrahent rückt das gute Stück tatsächlich wieder heraus.

Das Land als Rechtsnachfolger des Herzogtums kann seine Eigentumsansprüche urkundlich belegen, doch hat ihm dies bisher nicht viel genützt, denn die Trümpfe waren zugunsten der Stadt verteilt. Die Stadt war es schließlich, die den Löwen vom Sockel nahm, um ihn zur Restaurierung ins Städtische Museum zu bringen. Arglos hatten die Vertreter des Landes dem Transfer damals zugesehen, hatte sich die Stadt doch schon vor Jahrzehnten vertraglich verpflichtet, auch landeseigene Denkmäler innerhalb ihrer Grenzen zu pflegen und zu erhalten. Als sie ihn dann einmal im Griff hatte, mochte die Stadt den Löwen nicht wieder herausgeben und stellte sich gegen alle Proteste taub.

Zur Ausstellung des Landes, in die Höhle des Löwen sozusagen, ließ die Stadt das Beutetier erst ziehen, nachdem sie sich vertraglich abgesichert hatte. Das Land, um sein Eigentum wenigstens ausstellen zu können, räumte der Stadt schriftlich ein, sie dürfe den Löwen wieder abholen, falls eine gütliche Einigung nicht zustande komme. Aus der Sicht der Stadt ist dieses Verfahren nur recht und billig. Sie pocht darauf, daß ihr der Burgplatz gehört, und mit ihm, so argumentiert sie, bilde das Denkmal eine Einheit. Das Land hingegen will der Stadt den vom Löwen geräumten Sockel gern überlassen, aber mit dem Löwen sei er keineswegs untrennbar verbunden. Davon könne sich seit 1980 jeder überzeugen.

Für die meisten Braunschweiger, die das Weifenerbe im Landesmuseum am Burgplatz bewundert haben, ist die Fehde zwischen Stadt und Land ein Streit um des Herzogs Bart. Wie er es seit eh und je auf dem Sockel tat, fletscht der Löwe auch im Museum seine Zähne gen Osten, und warmes Sonnenlicht bescheint ihn durch das gläserne Dach des Innenhofes. Einen besseren Platz kann ihm die Stadt nicht bieten. Jutta Oerding