Wie ein Blitz ans heiterem Himmel wirkte in Washington zwei Wochen vor dem Genfer Gipfel die Rückkehr des KGB-Überläufers Jurtschenko in die sowjetische Botschaft.

Wenige Stunden, bevor Außenminister George Shultz in Moskau mit Michail Gorbatschow zusammentraf, um die Vorbereitungen für den Genfer Gipfel abzuschließen, überreichte der Geschäftsträger der sowjetischen Botschaft in Washington dem State Department eine Protestnote: einen förmlichen Protest wegen der angeblichen Mißhandlung des sowjetischen Diplomaten Witalij Jurtschenko. Das amerikanische Außenministerium konterte, es sei alles falsch und erlogen, was Jurtschenko am Montag vor der Presse behauptet hatte. Zu keiner Zeit sei der Anfang Juli in Rom abgesprungene KGB-Offizier von Amerikanern mit illegalen oder unethischen Mitteln zu irgend etwas gezwungen worden.

Auf der Pressekonferenz, zu der die sowjetische Botschaft nur von ihr ausgewählte Journalisten zugelassen hatte, hatte Jurtschenko behauptet, er sei in Rom entführt, unter Drogen nach Amerika verbracht und ebenfalls unter Drogen verhört, ja gefoltert worden. Am Sonnabend sei ihm aus einem CIA-Versteck die Flucht in die sowjetische Botschaft gelungen. Jurtschenko soll jedoch – amerikanische Version – von einem Abendessen mit zwei CIA-Agenten in einem Washingtoner Restaurant verschwunden sein.

Wie auch immer, CIA, Regierung und Kongreß sind wie vom Donner gerührt. Es gibt viele Fragen, aber kaum eine Antwort. War die Aktion Jurtschenkos vom KGB geplant? Also Absprung mit kalkulierter Preisgabe einiger Informationen und dann spektakuläre Umkehr, um das Gipfeltreffen zu torpedieren oder zu belasten? Um die CIA und die amerikanische Regierung mit der Foltergeschichte zu diskreditieren, um den amerikanischen Geheimdienst vor einer wichtigen Phase der Ost-West-Diplomatie zu verwirren? War Jurtschenko ein Doppelagent oder ist er nach ehrlichem Überlaufen ins amerikanische Lager schlicht durchgedreht? Hat er seinen Absprung bereut? Der Vorsitzende des Geheimdienstausschusses im Senat, Senator Leahy, erklärte öffentlich, er und mehrere Kollegen seien ihre Zweifel an der Echtheit Jurtschenkos als Überläufer nie ganz los geworden.

Die CIA-Spitze aber war von der Glaubwürdigkeit Jurtschenkos überzeugt. John McMahon, Vizedirektor der CIA, wollte sogar seine Karriere darauf verwetten. Der Geheimdienst hatte Jurtschenko als großer Fisch eingestuft, vergleichbar mindestens dem in London übergelaufenen Oleg Gordiewskij oder dem in Buenos Aires abgesprungenen DDR-Diplomaten Martin Winkler. Daß Jurtschenko der fünfthöchste KGB-Beamte sei, wie Presseberichte behaupteten, wird von Geheimdienstlern bestritten, er sei jedoch ein hochgestellter und bestens informierter KGB-Mann gewesen, als er in Rom um amerikanisches Asyl bat.

Eine Information, die immer wieder zu hören ist, könnte zum Schlüssel zur Erklärung der dann politisch freilich weniger brisant klingenden Affäre werden. Es heißt, bei seinem Absprung habe Jurtschenko eine einzige Bedingung gestellt keine Publizität in seinem Fall, keine Indiskretionen mit Rücksicht auf seine Familie in Moskau. Aber dann gab es einen Pressebericht in der konservativen Washington Times, und am 11. Oktober bestätigte die amerikanische Regierung auch den Wert Witalij Jurtschenlos als übergelaufener Agent. Einige amerikanische Experten halten es für möglich, daß Jurtschenko von da an unter Depressionen litt und an Rückkehr dachte.

Man erinnert sich an den sowjetischen Journalisten Oleg Bitow, der bei einem Filmfestival in Venedig abgesprungen war, später nach einem Aufenthalt in London in Moskau auftauchte und ebenfalls die Geschichte von Entführung und Drogenmißhandlung auftischte. Die meisten Amerikaner haben Schwierigkeiten zu glauben, ein Sowjetmensch, einmal im Westen, könnte je den Wunsch nach Rückkehr hegen. Aber es gab nicht nur den Fall Bitow, sondern auch den der Stalin-Tochter Swetlana oder diese Woche den des jungen Rotarmisten in Kabul.