Auf den Kulturseiten, in den Feuilletons ist kaum Platz für El Salvador, pulgarcito, „Däumling“, der amerikanischen Staaten, über den nur Bitteres zu berichten ist: weit über 10 000 Tote allein in den letzten zwölf Monaten, zahllose Menschen für immer verschollen, Folterungen in einem nicht mehr zu beschreibenden Ausmaß.

Diese Wirklichkeit, mittlerweile auch ins Bewußtsein der Europäer gedrungen, steht in seltsamem Verhältnis zu der von politischer Ignoranz getragenen, romantischen Vorstellung von Zentralamerika als möglichem Fluchtpunkt für alltagsmüde Kleinbürger. Peter Bichsel hat vor Jahren in einem kurzen Text, „San Salvador die heimlichen Sehnsüchte eines biederen Familienvaters, dessen Träume von einem neuen Leben, dort angesiedelt, wo Tod, Trauer und Schmerz den Alltag prägen und „die Toten/längst anders sind“: „Heute werden sie schnell ironisch/stellen Fragen.//Mir scheint sie kommen dahinter/daß sie schon längst die Mehrheit stellen.“

Das Zitat stammt von Roque Dalton, El Salvadors bedeutendstem Lyriker der letzten Jahrzehnte, von dem nun erstmals ein Band auf deutsch vorliegt –

Roque Dalton: „y otros lugares/und andere Orte“, Gedichte, spanisch-deutsch, deutsche Übertragung von Daniel R. Basi und Peter Schleuning; Verlag Stroemfeld/Roter Stern, Basel/Frankfurt, 1981; 189 S., 19,80 DM.

Von all den „poetas màrtires“ Lateinamerikas, den Schriftstellern, die für ihre Überzeugung starben, ist Dalton sicher der literarisch Reime gewesen. 1935 als unehelicher Sohn eines Nordamerikaners in San Salvador geboren, verbrachte er seine Schulzeit in einem Jesuitenkolleg, wo er – wie Ernesto Cardenal anmerkt – „sich über die Jesuiten lustig machte und den ‚Glauben verlor‘, um später der kommunistischen Partei seines Landes beizutreten und sich auch über gewisse Dinge seiner kommunistischen Partei lustig zu machen“. Er studierte Jura und Völkerkunde in El Salvador, Chile und Mexiko und verbrachte lange Jahre im Exil in Guatemala, Mexiko, der CSSR und Kuba.

Die ständige Verfolgung und Folter, deren Spuren er am ganzen Körper trug, mögen ihm jenen bitteren Humor verlienen haben, der in seinen Gedichten allgegenwärtig ist und mit dem er auch die eigene politische Arbeit „in der kleinsten kommunistischen Partei der Welt“ nicht verschont hat: „Organisatoren von Bündnissen und Streiks zeigten/eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und sagten mir, daß ich mir/ein Pseudonym zulegen sollte/daß ich fünf Pesos im Monat zu zahlen hätte/daß jeden Mittwoch ein Treffen sei und welche Fortschritte das Studium mache/und daß wir heute eine Broschüre von Lenin lesen würden/und daß es nicht notwendig sei alle Augenblicke lang Genosse zu sagen.//Als wir auseinandergingen, regnete es nicht mehr/und meine Mutter schimpfte weil ich so spät nach Hause kam.“

Daltons Verdienst war es, die lateinamerikanische Lyrik vom überschwenglichen Pathos, der wortgewaltigen, um neue Wortschöpfungen bemühten Sprache befreit zu haben. Er stand damit nicht allein. Eine ganze Generation, darunter Cardenal aus Nicaragua, Benedetti in Uruguay, der später in Ungnade gefallene Kubaner Padilla gingen einen ähnlichen Weg. Wichtiger Bestandteil dieser neuen Poetik ist die Ironie, für Roque Dalton unerläßliche Voraussetzung für die Emanzipation von den kulturellen Werten, die der europäische und nordamerikanische Kolonialismus Lateinamerika aufgezwungen hatte.