Von Theo Sommer

Ein Berserker-Genie, 1982 im Drogenrausch ins Grab gesunken, bewegt, erregt, verwirrt die Republik. Rainer Werner Fassbinder hat das Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ im Alter von 29 Jahren geschrieben, Sturm und Drang wie alles, was je seinem Kopf entsprang. Jetzt sollte es mit fast zehn Jahren Verspätung aufgeführt werden. Aber weil in diesem Stück, in dem lauter allegorische Figuren nebeneinander agieren, auch ein elender Grundstücksspekulant unter der Typenbezeichnung „Der reiche Jude“ vorkommt, erhob sich ein Orkan der Entrüstung: „Das dürfen wir nicht, wir Deutschen!“ Dürfen wir wirklich nicht?

In den Annalen der Menschheitsgeschichte ist kein größeres Verbrechen aufgezeichnet als jenes, das unser Volk an den Juden verübt hat. Sechs Millionen von ihnen haben wir Deutsche systematisch umgebracht: verhungern lassen, totgeschlagen, gehenkt, vergast. Daran gibt es nichts zu deuteln. Es ist da auch nichts zu „bewältigen“; wie es überhaupt eine naive Vorstellung ist, es könne jemals so etwas geben wie eine Bewältigung der Vergangenheit. Wir werden sie mit uns schleppen bis ins siebte Glied: wo nicht die Schuld, so – nicht minder drückend – die Schande und die Scham. Zukunft hat Herkunft; wir entkommen ihr nicht. Auschwitz werden wir nie los.

Doch damit ist die Frage nicht beantwortet: Darf wegen Auschwitz ein Stück wie das von Fassbinder hierzulande nicht aufgeführt werden?

An Scheinargumenten – und an scheinheiligen Argumenten – hat es in der öffentlichen Diskussion der letzten Tage nicht gefehlt. Sie alle verdienen, beiseite geschoben zu werden.

Das gilt zunächst für die Frage nach den Motiven der Aufführung und des Protestes dagegen. Schierer Opportunismus eines profilierungssüchtigen neuen Intendanten? Betroffenheit bei der Jüdischen Gemeinde vor allem deswegen, weil ihr gegenwärtiger Vorsteher nach eigenem Bekunden ein „Konjunkturritter“ auf dem Bausektor ist? Ein Streit zwischen dem Hitler-Biographen Joachim Fest und seinem langjährigen FAZ-Kollegen Günther Rühle? Oder ein schlauer Verdrängungsakt der Stadtpolitiker und Stadtplaner, der Großbanken auch, die vor anderthalb Jahrzehnten die Zerstörung des alten Frankfurter Westends betrieben? Es lohnt nicht, hier zu tief zu bohren. Der Antwort bringt es uns nicht näher.

Auch nicht die Frage nach dem guten Geschmack des Fassbinder-Dramoletts, sowenig wie die nach dem turbulenten Leben und Sterben des Autors. Wollten wir alle Werke aus den Regalen der Weltliteratur entfernen, deren Verfasser sexuelle Obsessionen hatten, Rauschzustände suchten oder sich das Leben nahmen – wir beraubten uns vieler großartiger Hervorbringungen. Und über Geschmack läßt sich nicht streiten. Die Auffassungen wandeln sich; was gestern noch schockierte, wirkt heute oft schon lahm und zahm; jedenfalls war Fassbinder nicht „säuischer“ als vieles andere, was Film und Theater heute anstandslos vors Publikum bringen.