Von Horst Bieber

Man kommt nicht mehr nach: Schon der Versuch, nur die wichtigsten Neuerscheinungen zum Thema gefährdete Natur, Umweltschutz oder Ökologie zu lesen, kostet jeden Tag zwei harte Stunden. Wer so vermessen sein wollte, sich auch der Flut der Broschüren oder Taschenbücher, oft im Selbstverlag herausgegeben, der papers, wie sie auf neuhochdeutsch heißen, und Hütchen auszusetzen, käme leicht auf die 45-Stunden-Studierwoche. Zumindest auf dem Markt des Gedruckten hat sich dieser Bereich voll durchgesetzt, und zwar in einem Maße, daß die Übersicht verlorengeht.

Der Sache nutzt die Überfülle nur bedingt. Viele gute Arbeiten gehen unter oder werden schlicht übersehen, Doubletten sind unvermeidlich, und der Anhänge- oder Nachahmungseffekt führt leider auch dazu, daß viel Mist publiziert wird. Ob fehlende Kenntnis oder fehlende Sorgfalt – da ist aus einer korrekten 10 hoch -3 eine 10 hoch -4geworden (ein kleiner, aber gewichtiger Unterschied), ein Mikrogramm hat sich, wo auch immer, in ein Milligramm verwandelt, ein Greifvogel firmiert als Raubvogel, Gene und Chromosome werden als Synonyme verwendet: Ein leichter Nebel von Unseriositäten senkt sich herab, zum Schaden der Sache und des Buches. Der Laie muß zur Kontrolle immer häufiger die Kenntnisse mitbringen, die er sich durch die Lektüre erst erwerben will.

Ein drittes fällt auf: die Lust an der Katastrophe. Einmal angestoßen richtet sich die Neugier auf immer neue Umweltbereiche: Flüsse, Meere, Grundwasser, Luft und Boden, Pflanzen und Tiere und Menschen (von der bereits eifrig geprobten Verknüpfung der Ökologie mit den Sorgen der Friedensbewegung ganz zu schweigen). Als „Farbe“ dominiert Schwarz, als Tenor Pessimismus, als Interaktionsform die selbstgerechte Anklage. Der Untergang des Abendlandes steht wieder einmal bevor, offenbar nicht gewünscht – warum sonst sollten so viele Autoren davor warnen? –, aber anscheinend unvermeidlich. Oder doch nur scheinbar? Und wenn nur scheinbar, also vermeidbar: Was muß man tun, ihn abzuwenden?

Erstaunlicherweise fehlt bisher eine praktikable Theorie der ökologischen Umkehr. Es gibt viele kleine Gebrauchsanweisungen für Einzelschäden, die sich vollständig im Umkreis des technisch-organisatorischen Umweltschutzes bewegen. Und es gibt die ganz große Theorie, die revolutionäre Umwälzung, die den „anderen Menschen“ voraussetzt, das Endprodukt des Umlernprozesses zu seiner Voraussetzung macht.

Murray Bookchin: Die Ökologie der Freiheit. Wir brauchen keine Hierarchien; aus dem Amerikanischen übersetzt und überarbeitet von Karl-Ludwig Schibel; Beltz Verlag, Weinheim/Basel 1985; 433 S., 38,– DM.

Bookchin macht es sich nicht leicht, seine These zu untermauern, daß mit dem Versuch, Herrschaft erst über den Menschen, dann über die Natur auszuüben, jene Gefährdung der Lebensgrundlagen begann, die uns heute zur Umkehr zwingt. Er ist Anarchist, der den marxistischen Ansatz überwunden hat, zum maximalen Glück des Individuums gehöre nur die maximale Beherrschung der Natur und des darauf gegründeten Produktionsprozesses, er sieht den Sündenfall in der Preisgabe der „organischen Gesellschaft“: „Nach etwa 10 000 Jahren zutiefst ambivalenter sozialer Evolution müssen wir wieder in die biologische Evolution eintreten – nicht nur, um den Aussichten einer ökologischen Katastrophe zu entgehen, sondern auch, um unsere eigene Fruchtbarkeit in der Welt des Lebens wiederzugewinnen.“