Hervorragend

Greeen on Red: „Gas Food Lodging“. Der lange Schatten der sechziger Jahre liegt über diesem zweiten Album des amerikanischen Rock-Quintetts Green On Red, und bei praktisch jedem Song stellt sich das gewisse (aber nicht unbedingt unangenehme) déja vu-Gefühl ein. Bei „That’s What Dreams (Are Made For)“ scheinen John Fogerty an der Gitarre und Garth Hudson von der „Band“ an der Orgel zu musizieren. Bei Black River“ hört man den unverwechselbaren „Blonde On Blonde“-Sound: Dylans „Desolation Row“ und „Ballad of a Thin Man“ waren hier die Blaupausen. „Hair of the Dog“ und „Fading Away“ wiederum zeigen die Stones von „Brite On Main Street“ als Vorbild, und Neil Young & Crazy Horse lieferten die Vorlage für „The Drifter“. Die Kunst der Hommage-als-Musikklau haben Dan Stuart und seine Band allerdings so perfektioniert, daß von wohlfeiler Nostalgie keine Rede sein kann. Wie lange man von solchen Rückgriffen zehren kann, ist eine ganz andere Frage. (Zippo Records ZONG 005/Rough Trade-Vertrieb und Teldec Import Service) Franz Schüler

Hörenswert

Johann Sebastian Bach: „15 zweistimmige, 15 dreistimmige Inventionen“. Irgendwann haben wir sie alle einmal im Klavierunterricht gespielt – je nach unserem Jahrgang im Nähmaschinenstil oder als Fingerfertigkeitsetüden – „Wormit denen Liebhabern des Clavires, besonders aber denen Lehrbegierigen, eine deütliche Art gezeiget wird ...“. Inzwischen haben aber vor allem Cembalisten wie Trevor Pinnock oder Organisten wie Ton Koopman uns gezeigt, wie ganz anders Linien zu phrasieren, hat die neue Empfindsamkeit uns gelehrt, wie Metren variiert werden können. Eine Synthese aus beidem versucht Andras Schiff. Gleich die erste Invention spielt er in der „triolierten“ Fassung, wie Bach sie – das Autograph-Faksimile in der NBA zeigt das sehr schön – nachträglich „sensibilisierte“. Eine gewagte Auflösung der Legato-Bögen in der Nr. 3 zu kurzen „Seufzer“-Figuren, ein spielerisch-rasantes Tempo in der Nr. 4, die sehr effektvolle Abhebung der thematischen Strukturen durch die Betonung der Pralltriller in der Nr. 5, ein in die unaufdringliche Intimität einer kleinen Träumerei versetztes E-dur oder die leichte Verzögerung auf dem ersten Achtel in der e-moll-Invention: alle diese Beispiele mögen erkennen lassen, wie bewußt Andras Schiff die Möglichkeiten eines modernen Flügels benutzt, um dadurch alle Mechanismen, alle Strenge, alles Stereotype aus diesen kleinen „Erfindungen“ zu nehmen, sie mit Phantasie zu füllen und ihnen so eine ganz andere Art von Lebendigkeit zu geben. Der Akademismus ist ebenso vergessen wie die spätromantische Sentimentalität. Gewonnen ist eine neue Freiheit, das Bekenntnis zu einer neuen Zartheit. Eigentlich hätte man es längst selber so probiert haben müssen, wenn ... (Decca 411 974–2)

Heinz Josef Herbort