ZEIT: Frau Erler, Sie haben sich zehn Jahre in der Entwicklungspolitik engagiert. Nun fordern Sie öffentlich – in einem Buch die Regierungen der Industrieländer sollen die Entwicklungshilfe sofort einstellen. Warum?

Erler: Wir verhandeln, wenn es um staatliche Hilfe geht, als Regierung mit anderen Regierungen. Und in fast allen Ländern der Dritten Welt sind Politiker an der Macht, die mit dem Wohl ihrer eigenen Bevölkerung relativ wenig im Sinn haben. Das heißt: Wir geben Geld an Eliten, die für die ausbeuterischen Verhältnisse in ihrem Lande verantwortlich sind und die ein Interesse daran haben, genau diese Verhältnisse weiter zu erhalten. Das ist der erste Kritikpunkt. Der zweite ist, daß wir ziemlich unkritisch eine Technologie in die Entwicklungsländer exportieren, mit deren Folgen wir in den Industrieländern selber nicht mehr fertigwerden. Wir haben bereits Schaden angerichtet, und wir sollten diesen Schaden nicht noch weiter vergrößern.

ZEIT: Kann man denn da noch, wie Sie, Herr Brandt, eine Erhöhung der Entwicklungshilfe fordern?

Brandt: Ich kann natürlich nicht der Kritik widersprechen, die Brigitte Erler aus ihren praktischen Erfahrungen ableitet. Ich war in diesem Sinne nicht an der konkreten Entwicklungsarbeit im Empfängerland beteiligt. Aber ich habe Bedenken, wenn aus der These „die bisherige Entwicklungspolitik ist weithin verfehlt“, die Zusatzthese abgeleitet wird: „Dann hören wir am besten mit Entwicklungspolitik auf.“ Ich bin auch über die Absolutheit der Kritik überrascht. Ich bin im Laufe der Jahre in vielen Ländern Entwicklungshelfern begegnet. Bei manchem, was diese Leute gemacht oder berichtet haben, würde mir die Kritik von Brigitte Erler einleuchten; bei vielem hatte ich aber auch den Eindruck, die Projekte sind nützlich.

Nehmen wir im übrigen eine akute Hungersituation wie in Äthiopien oder im Sudan. Da Kann ich doch nicht dagegen sein, daß man sammelt und Hilfsmittel hinschickt. Zwar sind die europäischen Produkte schrecklich teuer im Vergleich zu dem, was man in den Ländern selbst produzieren könnte. Sehr oft gewöhnen sich die Menschen auch an Lebensmittel, die man später nicht im eigenen Land anbauen kann und die importiert werden müssen – eine Gefahr. Trotzdem kann man doch auf Katastrophenhilfe nicht verzichten ...

Erler: Da sind wir uns völlig einig. Bei akuten Notfällen muß Katastrophenhilfe genauso in Entwicklungsländern geleistet werden wie etwa bei einem Erdbeben in Jugoslawien oder Sizilien. Nur, ich meine, sobald der erste Grashalm wächst, müssen wir wieder raus, sonst schaffen wir neuen Hunger.

Brandt: Diese These gilt aber nicht, wenn man die Nahrungsmittelhilfe mit der Förderung von eigenen Anstrengungen bei den Bauern kombiniert.