Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn Heinrich Heine heute lebte, würde er wahrscheinlich das, was er vor 150 Jahren über die Juden schrieb, variieren. Damals sagte er: „Juden sind wie andere Leute, nur mehr so.“ – Vielleicht würde die Debatte, die derzeit über das Stück von Fassbinder entflammt ist, ihn dazu inspirieren zu sagen: „Deutsche sind wie andere Leute, nur sehr, sehr viel mehr so.“

Ehe die Nazis über uns hereinbrachen, hätte man sich nicht vorstellen können, daß um einer aberwitzigen, abstrusen Theorie willen sechs Millionen Menschen – nach rassischen Gesichtspunkten ausgewählt – umgebracht werden könnten. Daß sie in eigens für diesen Zweck gebauten Öfen verbrannt würden, nachdem eigens dafür aufgestellte Fahrpläne ausgearbeitet wurden, um sie aus aller Welt dorthin zu schaffen. Dies geschah zur Zeit eines totalitären Regimes, in dem nach dem Motto „Führer befiehl, wir folgen dir“ angeblich keine Widerrede möglich war.

Was man sich aber, nachdem diese Science-fiction in Realität umgesetzt worden war, nun wirklich nicht auch noch hätte vorstellen können: daß vierzig Jahre später mit der Begründung: „Nach so langer Zeit muß das doch möglich sein“, ein Stück aufgeführt werden soll, in dem eine der Hauptpersonen, „der reiche Jude“, karikiert wird. Also nicht Herr X oder Herr Y, sondern eine abstrakte Figur, ein Klischee – wie im Stürmer – ausgestattet mit allem Zubehör, das rassistische Vorurteile als Spezifikation der Juden ausgemacht haben. Der reiche Jude ist geldgierig, geil, rücksichtslos. Zugegeben, die anderen Typen in diesem Stück, das in einer Welt spielt, die perverser und obszöner ist als alles, was uns bisher im Theater vorgeführt wurde, sind keineswegs besser.

Dennoch, Ganoven gibt es überall, in allen Völkern, und Bauskandale auch – zum Beispiel in Berlin; warum also das Problem vom „Filz“ unbedingt an den Frankfurter Juden festmachen? Nach Auschwitz sollte dies ganz einfach der menschliche Anstand, Takt, Stil oder wie immer man es bezeichnen will, verbieten. Denn die Folgen sind doch klar: Die Antisemiten werden antisemitischer, und die wenigen Juden, die in dieses Land zurückgekehrt oder aus dem Osten hierher geflüchtet sind, fragen sich besorgt, ob es wohl „bald wieder soweit ist“.

Bitburg ist noch nicht lange her, aber es ist schon vergessen. Für die Leser der International Herald Tribune (15. Mai 1985) aber sind jene Gespräche unvergeßlich, die Marvin Kalb, Korrespondent der Fernsehstation NBC, auf dem Friedhof der Soldaten- und Waffen-SS-Gräber mit ein paar Herumstehenden geführt hat. Präsident Reagan und Bundeskanzler Kohl hatten den Platz gerade verlassen, und zwei Kränze, die jemand vorsichtshalber versteckt hatte, weil sie den gefallenen Kameraden der Waffen-SS gewidmet waren, wurden wieder hervorgeholt und neben die der Regierungschefs placiert. Ein junger Mann: „Wir Deutschen und Amerikaner haben gut zusammengearbeitet, bis die Juden anfingen, Unruhe zu stiften.“ Eine alte Frau: „Wissen Sie, warum Reagan nur acht Minuten auf dem Friedhof blieb? Wegen der Juden.“ Ein Mann: „Wenn es den Juden hier nicht paßt, dann sollen sie doch woanders hingehen, wir waren besser dran ohne sie.“ Und in Bonn schließlich traf Marvin Kalb einen Politiker, der im Zusammenhang mit der Diskussion über Panzer an Saudi-Arabien meinte: „Die Juden sind auch zu frech geworden, wir haben zu lang auf sie gehört. Jetzt ist’s genug.“

Kein Wunder, daß den Juden bange wird, wenn es möglich ist, daß jemand, der in der Theaterwelt eine Rolle spielt, befindet: „Die Schonzeit ist vorbei“, jetzt also könne man wieder über das Tabu diskutieren; denn Tabus seien ungesund – mein Gott, welche Gesellschaft kann denn ohne Tabus leben? Oder wenn es möglich ist, daß in einer Szene des Fassbinder-Stückes Hans von Gluck, „grübelnd“, wie es heißt, feststellt: „Er saugt uns aus, der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen ... Wär’ er geblieben, wo er herkam, oder hätten sie ihn vergast, ich könnte heute besser schlafen. Sie haben vergessen, ihn zu vergasen. Das ist kein Witz. So denkt es in mir.“