Von Wolfgang Hegewald

Die Franzosen zum Beispiel haben eine Auffassung des Phantastischen, die ich sehr amüsant finde. Sie sehen im allgemeinen das Phantastische nur als absolute Grenzüberschreitung der Realität. Ich allerdings glaube nicht, daß es sich um eine Überschreitung handelt, die wohl teilweise eintreten kann, ich empfinde das Phantastische als eine Überprüfung der Wirklichkeit. Nur hat es nichts mit der alltäglichen Wirklichkeit zu tun, nichts mit der Realität der aristotelischen Logik, sondern ist, wie Alfred Jarry sagen würde, die Realität der Ausnahme.“

Diese Zeilen des großen Erzählers Julio Cortázar, dessen Werk, zwar anwesend im Sprachraum, der herrschende provinzielle Hochmut weitgehend ignoriert, weisen genau in das Zentrum des Themas, das die drei umfangreichen Erzählungen Wolfgang Hilbigs variieren.

„Beschreibung II“, „Der Brief“ und „Die Angst vor Beethoven“, so lauten die Titel der – im besten Sinne hoffnungslosen – Geschichten, und man sei auf allerhand gefaßt. Der Leser bereist bei der Lektüre dieser Texte bösartig verwunschenes Gelände, gespenstische Begegnungen werden sich kaum vermeiden lassen, und doch wünsche ich heftig, daß er meine fürsorgliche Warnung in den Wind schlagen und es betreten wird: um der möglichen Erfahrungen willen.

In „Beschreibung II“ bricht ein Ich-Erzähler zu einer Reise auf, mit einem Dampfer auf der Elbe von Dresden stromaufwärts, in der Hoffnung, in einem Hotel im Kurort W. Arbeit zu finden. Das Hotel, vertreten durch Empfangschef und Oberkellner, erweist sich auf merkwürdige Art als eine Niederlassung der Macht, und das Gespräch, das der Erzähler wegen seiner Anstellung führt, verändert jählings alle Bedeutungen seiner Reise. Nach einer rätselhaften Rückfahrt, die auf einer Brücke kulminiert, findet sich der Protagonist an einem von Palästen verstellten Ort wieder, dessen Grundriß dem Piktogramm der Herrentoilette, dem Dreieck, gleicht und der ihm Schatten, Spiegelbild und Innenraum aberkennt. Allein matte Geräusche reagieren noch auf das Vorhandensein des Menschen. „Dieser Ort, den sie Dresden nannten, war die Hölle.“

„Der Brief“, Symbol einer Rechenschaft und einer Sehnsucht nach Ankunft zugleich, von seinem Verfasser, der Ich-Person der Geschichte, an sich selber adressiert und nun ungeduldig erwartet, enthält das Entscheidende schlechthin und damit das Beliebige. Im Laufe der Erzählung neigt die Ich-Person bedenklich zu dem Namen Lippold (E.T.A. Hoffmann ließ einst den toten Münzjuden Lippold in einem Bierkeller am Alexanderplatz sitzen und Dukaten schnippen), und zur Sprache gelangen die heillosen Umstände einer proletarischen Existenz, die sich aufgibt, um Schriftsteller zu werden. Ein mörderischer (nämlich mit dem Mord an einer Briefträgerin endender) Diskurs über den vom Mitleid des Bildungsbürgertums geprägten Begriff des Arbeiterschriftstellers findet statt.

In dem Stück „Die Angst vor Beethoven“ verändert eine Orchidee namens Subterrania mit merkwürdigen Lebensgewohnheiten das Leben des Erzählers, und eine nächtliche Begegnung mit einem Alten, dem Inhaber des Blumenladens, aus dem die Pflanze stammt, bringt Erstaunliches zu Tage: etwa daß er, der Gast, nach der trügerischen Maßgabe seiner Biographie ein Jahr alt, eine Deportation von Juden beaufsichtigte; oder daß der echte Beethoven seine Werke in den gotischen Sälen am Kurischen Haff aufgeführt habe, eine Musik, nicht zu vergleichen mit den üblichen Fälschungen im Namen Beethovens ...