Gespräche am Rande der Demonstrationen

Von Klaus Pokatzky

Privilegien sind Vorrechte, Privilegien sind vor allem auch Sonderrechte. Kann ein vernünftiger, anständiger Jude im heutigen Deutschland Sonderrechte verlangen? Der Verstand spricht dagegen, auch das Gefühl; Privilegien sind ungerecht und peinlich.

Ich werde nicht vergessen, wie vor über zwanzig Jahren ein Lehrer an meiner Schule zornroten Kopfes in eine Rauferei von Vorpubertären eingriff, als Klassenkameraden mich zu verhauen drohten: Schlimm sei es, donnerte der Schulmeister, wenn drei sich auf einen stürzen; ganz besonders schlimm in diesem Fall, da dieser einzige ausgerechnet der jüdische Mitschüler war.

Die Beulen aus der Schlägerei verheilten schnell, die judenfreundliche Sonderbehandlung aber ließ eine Narbe und ein Gebot zurück: Du hast nichts Besonderes zu beanspruchen als Entgelt für das Leid deiner Eltern, auch wenn die Mitläufer der Täter dir das aufdrängen wollen! Meine gerügten Klassenkameraden übrigens überstanden den Tadel, ohne Antisemiten zu werden – anders als Rainer Werner Fassbinder, der sein Theaterstück einmal mit der Erinnerung an seine Eltern rechtfertigte, die ihn als Kind stets aufforderten, zu Juden nett und freundlich zu sein – so etwas produziere die Judenfeindschaft.

Der Schutz vor Antisemiten und die Ächtung des Antisemitismus sind aber keine Privilegien der Juden. Antisemiten sind im bösesten Fall eine Bedrohung für Leib und Leben von Juden; Antisemitismus, auch im besten Fall, verunstaltet das Gesicht der Demokratie. Den Kampf dagegen dürfen die Deutschen nicht ihren 30 000 Juden überlassen; die haben allem Klischee zum Trotz nicht die Macht dazu und an vielen Orten auch nicht das intellektuelle Potential. Über das Theater reden Theaterleiter und Theaterkritiker gescheiter

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