Ein in literarisches Lehrstück par excellence: In einer englischen Sterbeklinik für Krebskranke verbringt Nickel aus Wien die Ferien am Bett ihrer todkranken Großmutter. In Briefen berichtet sie einem Freund von ihren Erfahrungen und Reflexionen.

Renate Welsh: „Eine Hand zum Anfassen“; Verlag Jungbrunnen, Wien; 134 S., 17,80 DM

Schon bei der Ankunft bemerkt Nickel, daß in diesem „nursing home“ kein anonymer Klinikbetrieb herrscht. Persönliche Zuwendung von hospitierenden Angehörigen, freiwilligen Helfern, dem Pflegepersonal und dem ebenso lebensklugen wie geschäftstüchtigen Chefarzt erleichtern den Patienten ihre letzte Lebens- und Leidenszeit. In geschicktem Auf und Ab von Ereignissen und Stimmungen dokumentieren die Briefe nicht nur den wechselnden Befund der Kranken, sondern auch Nickels schwankende Einstellung zum immer gegenwärtigen, unausweichlichen Ende Jedes Schicksals, mit dem sie konfrontiert wird. Der Tod verliert – besonders als er ein gleichaltriges Mädchen trifft – nicht seine Schrecken. Aber die Sterbenden bewahren in dieser um Humanität bemühten Umgebung ihre Würde und Individualität.

Ausnahme-Situationen geben der Literatur die Gelegenheit, Sinnfragen zu reflektieren. So setzt sich auch Nickel angesichts des Sterbens mit dem Sinn des Lebens auseinander.

Eine lebenskluge Putzfrau, die agile Freundin der Großmutter, das verbitterte Ehepaar von Großonkel und -tante bilden den erzählerischen Kontrapunkt zu den Schwerkranken und Moribunden der Sterbeklinik.

Ein kurzer Gedanke des erwachsenen Lesers an Thomas Manns „Zauberberg“, Benns „Krebsbaracke“ und Solschenizyns „Krebsstation“ macht hellsichtig für die unterschiedlichen Spielarten und Möglichkeiten von Literatur, für Veränderungen in der Sicht von Krankheit und Tod.

Renate Welsh hat dieses Buch geschrieben, um Jugendliche mit Kranken- und Todeshilfe bekannt zu machen, um das Leben aus der Erfahrung eines human begriffenen Todes neu zu sehen. Jede Zeile ihres Textes ist auf die Botschaft ausgerichtet.

Handwerkliche Redlichkeit, kluge Didaktik der fiktiven Briefe, die im Text enthaltene Aufforderung, Stellung zu nehmen, lassen jede Kritik an der umstrittenen Gattung des sozial engagierten, pädagogisch bemühten Jugendbuches stocken, Wer wüßte einen besseren Weg, Erkenntnis, Erfahrung und Ratlosigkeit des Erwachsenen für die geistige Auseinandersetzung Jugendlicher aufzubereiten? Birgit Dankert