Am Pesachtag des Jahres 1487 erreichten Rabbi Abraham und seine schöne Frau Sara die schützenden Mauern des Frankfurter Gettos. Noch in Festkleidern waren sie in der Nacht zuvor während der Sederfeier vor einem drohenden Pogrom aus der kleinen rheinischen Stadt Bacherach geflüchtet. Sie standen vor der Pforte zur langgestreckten Judengasse und begehrten Einlaß. Der Wachsoldat brummte mißmutig die Lieder der Flagellanten-Horden, die zu Pestzeiten im frommen Eifer die Juden gemordet hatten. Und Nasenstern, der jüdische Türsteher, war ein Hasenfuß, der sich ängstlich verkroch.

„Sieh, schöne Sara“, seufzte der Rabbi von Bacherach, „wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Tore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!“

Zweimal bereits waren die Juden in der freien Handelsstadt Frankfurt massakriert und vertrieben worden. Ihre Häuser wurden eingeäschert und ihr Gut geplündert. Jedesmal waren sie zurückgekehrt und hatten sich als königliche Kammerknechte den trügerischen Schutz der Majestät mit einer drückenden Steuerlast erkauft. Im 14. Jahrhundert mußten sie dazu sogar Synagoge, Schulhaus und Friedhof verpfänden. Sie wohnten zunächst im Herzen der Stadt, in der Fahrgasse und in der Saalgasse, nahe der mächtigen Mainbrücke, die mit ihren dreizehn Bögen den Reichtum von Frankfurt symbolisierte. Auf kaiserlichen Befehl wurde den Juden allerdings 1462 ein neues Wohngebiet außerhalb der Stadtmauer zugewiesen, das sich (etwa von der heutigen Konstabier Wache bis zum Börneplatz) erstreckte. 350 Jahre lang hielten die Gettomauern; erst die Soldaten der französischen Revolutionsarmee rissen sie ein.

Endlich wurden Rabbi Abraham und seine Frau Sara eingelassen. Staunend betrachteten sie das reiche, selbstbewußte Judenviertel. „Damals nämlich waren die Häuser noch neu und nett“, berichtete Heinrich Heine in seinem 1840 erschienenen Erzählfragment „Der Rabbi von Bacherach“, „auch niedriger wie jetzt, indem erst späterhin die Juden, als sie in Frankfurt sich sehr vermehrten und doch ihre Quartiere nicht erweitern durften, dort immer ein Stockwerk über das andere bauten, sardellenartig zusammenrückten und dadurch an Leib und Seele verkrüppelten.“

Heine kannte das Frankfurter Getto aus eigener Anschauung. 1815 verbrachte er dort einige Monate als Volontär im Büro des Bankiers seines Vaters. Die Gemeinde zählte zu den reichsten und mächtigsten in Deutschland. Rund 600 jüdische Familien lebten hier, doch 43 Prozent des gesamten jüdischen Kapitals befand sich im Besitz von sechzig Familien, welche wiederum die zwölf größten Bankhäuser der Stadt kontrollierten. Jahrhundertelang hatten ihre Familien, ständig bedroht von verschuldeten Bürgern, verarmten Handwerkern und dem Missionierungseifer der Inquisition des Dominikaner-Ordens, als kleine Geldverleiher ein Vermögen angehäuft. Nun wurde Frankfurt zur Wiege der jüdischen Finanzwelt, die ein Jahrhundert lang Europa beherrschte. Der Einfluß der Frankfurter Bankiers war so groß, daß Historiker heute noch von der „Frankfurter Tradition“ sprechen.

Die Gebrüder Bethmann etwa retteten die Habsburger vor dem Staatsbankrott, das Bankhaus Speyer erschloß die Finanzwege nach Amerika, und die fünf Söhne des Meyer Amschel Rothschild setzten sich in den Hauptstädten Europas fest. Dort steuerten sie den Kapitalstrom, der den Sieg der alliierten Monarchen über Napoleon finanzierte.

Doch die neue soziale Stellung, die sich die Frankfurter Juden mit Geld erkauft hatten, war trügerisch. Zwar erwarb die Frankfurter Gemeinde bereits 1811 für 440 000 Gulden die Bürgerrechte. Eine Delegation sicherte beim Wiener Kongreß den Handel ab. Jedoch eine neue antisemitische Welle erfaßte Deutschland.