Die Nachricht kam plötzlich – und doch kaum überraschend. Am Montagabend gab Frankfurts Intendant Günther Rühle seine Entscheidung bekannt, „auf die öffentliche Aufführung des Stücks von Rainer Werner Fassbinder vorerst zu verzichten“.

Was immer „vorerst“ heißen mag und was „öffentlich“ – Rühle hat kapituliert. Vor den bekannten Protesten und den nicht ganz so bekannten Pressionen. Das Theater verzichtet auf sein Recht; das ist, in einer Situation allseitiger, erbitterter Rechthaberei, eine Geste der Versöhnung, die man nicht Feigheit nennen sollte.

Das Theater verzichtet – und steht doch nicht als Verlierer da. Fassbinders Stück ist durch die Frankfurter Nicht-Aufführung bekannter geworden als jedes andere neue deutsche Stück durch seine Aufführung. Der große Streit hatte nicht nur beklemmende und lähmende Wirkungen, sondern auch belebende, ja befreiende.

Das Stück, ein Jahrzehnt lang mit fast allen Mitteln verhindert, ist endlich, und das auch ohne Aufführung, ein öffentlicher Streitgegenstand geworden. Über Antisemitismus in unserer Republik wird endlich nicht mehr getuschelt, sondern geredet. Die jüdischen Bürger haben ihre Entschlossenheit gezeigt, sich zu wehren – nun könnte sich ihr Kampfesmut vom falschen Objekt Fassbinder den richtigen Zielen zuwenden.

„Der Müll, die Stadt und der Tod“: ein Ende, das noch lange kein Ende ist. Schon hat wieder einer eine Aufführung des Stücks angekündigt, sie seinen Frankfurtern versprochen. Der Mann heißt Daniel Cohn-Bendit. B. H.