Anja ist fünf Jahre alt. Sie stottert seit einem Jahr. Ohne erkennbaren Anlaß schlägt sie im Kindergarten immer öfter andere Kinder. Sie kann nicht spielen, kann keine Szene gestalten, kein Haus, keinen Baum malen, sagen die Eltern. Anja ist ein sehr verspanntes Kind. Sie kann im Spiel auf andere Kinder nicht eingehen, keiner mag sie so recht. Eine körperliche und leistungspsychologische Untersuchung ergibt keine Befunde. Das Elternhaus ist nach heutigen Maßstäben normal intakt.

Anja sieht seit einem Jahr fern. Natürlich „höchstens eine Stunde am Tag“, Kindersendungen oder mal eine schöne Sendung über Tiere. Im Beratungsgespräch mit den Eltern wird ein Experiment vereinbart: Zwei Wochen lang kein Fernsehen. Nach einer Woche stottert Anja nicht mehr. Sie wirkt gelöster. Zum Erstaunen der Eltern kann sie doch Bäume malen, auf diese aber zucken Blitze nieder. Rückschauend klärt sich manches für die Eltern. Anja hat früher immer wieder ein und dasselbe Bilderbuch angeschaut, immer neue Einzelheiten entdeckt, lebte mit ein und demselben Baum, der da im Bilderbuch war, erfand immer neue Geschichten um ein und denselben Vogel. Ihr Verständnis der Wirklichkeit konnte langsam und in Ruhe wachsen.

Schön und einfach

Dann wollte sie fernsehen, weil das Nachbarskind auch fernsehen durfte. Und nun blitzte und prasselte etwas auf sie ein, auf das sie sich nicht mehr mit langsam wachsendem Verständnis einlassen konnte, weil das so schnell vorbeischwirrte und nicht festzuhalten war. Bilder zogen Anja mit in fremde Welten, es war so schön für sie und so einfach. Sie brauchte nicht mehr darüber zu grübeln, warum der Milchmann im Bilderbuch andere Milchflaschen brachte, als Mutti im Kühlschrank hatte. Jetzt ergab sich alles von selbst. Ein Rausch. Keine Fragen mehr. Anja verlor die Lust, Bilderbücher anzuschauen, zu spielen. Sie wurde aggressiv. Ruhig und gelöst schien sie nur noch, wenn sie vor dem Fernseher saß, also durfte sie noch mehr fernsehen.

Peter ist zehn Jahre alt. Er wird in der Klinik vorgestellt wegen Konzentrationsstörungen, der Hausarzt hatte die Verdachtsdiagnose gestellt „frühkindliche Hirnschädigung“. Peter ist zwar ein schlechter Schüler, aber er kommt mit. Die Eltern haben wenig Zeit, mit ihm zu lernen. Da darf er öfter, außer den Kindersendungen, „Bildungssendungen“ im Fernsehen anschauen. Wenn diese sehr spät abends gesendet werden, nimmt Peters Vater die Sendung auf Video, Peter soll sie dann am nächsten Nachmittag ansehen.

Peter ist sehr nervös, er scheint unter Strom zu stehen, betont ständig, was er schon alles kann. Die Mutter berichtet, seine Unkonzentriertheit äußere sich zu Hause vor allem darin, daß er kaum länger als eine Stunde fernsehen könne. Nach einer Stunde werde er unruhig. Nur mit gutem Zureden sei er dann bereit, eine Sendung zu Ende anzusehen.

Zwei Beispiele für Hunderte.