Über hundert Tote forderte der Sturm von Militär und Polizei auf den Justizpalast der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá – Auftakt zu einer neuen Epoche der Gewalt?

Am Mittwoch vergangener Woche besetzte ein Kommando der Guerillaorganisation M-19 das Gerichtsgebäude, etwa 300 Meter vom Regierungspalast entfernt, und nahm rund 400 Geiseln – Richter, Justizangestellte, zufällige Besucher. Polizei und Militär umstellten das Gericht und begannen sofort mit dem Sturm. Ein Panzerwagen drückte das verriegelte Haupttor ein. Die Kämpfe dauerten 27 Stunden; zum Schluß stand das Gebäude in Flammen.

Unter den Opfern, die bis zum Montag geborgen waren, sind elf der 24 höchsten Richter, darunter der Präsident des Corte Suprema, und 41 Guerilleros (darunter sechs Führer der M-19). Der kolumbianische Präsident Belisario Betancur hatte trotz mehrfacher telephonischer Bitten der Geiseln Verhandlungen abgelehnt; das Kommando weigerte sich, gegen die Zusicherung eines fairen Prozesses zu kapitulieren. Es kam zu einem Massaker: Das Kommando erschoß die letzten Geiseln, bevor die Besetzer vom Militär umgebracht wurden oder Selbstmord begingen.

Betancurs harte Haltung – zuerst allgemein gutgeheißen – gerät nun immer mehr ins Zwielicht:

  • Offenkundig gab es seit Wochen Hinweise auf den Überfall. Warum er nicht verhindert wurde, soll nun (unter anderem) eine unabhängige Kommission untersuchen.
  • Zeugen wollen gehört haben, daß der Oberbefehlshaber des Heeres dem Präsidenten erklärt hat, einem Befehl zur Feuereinstellung werde er nicht gehorchen, Verhandlungen werde es nicht geben.
  • Inzwischen steht auch fest, was das Kommando erreichen wollte, nämlich eine Art „Schauprozeß“ gegen den Präsidenten. Betancur hatte im vorigen Jahr einen Friedensvertrag mit der Guerilla geschlossen, um einige ihrer sozialen Forderungen friedlich zu erfüllen. M-19 hatte den Vertrag vorzeitig mit der Begründung aufgekündigt, das Militär und von ihm gedeckte Todesschwadronen hielten sich nicht in die Vereinbarungen. Die Offiziere und die Konservativen hatten nie einen Zweifel daran gelassen, daß sie jede Verhandlung mit der Guerilla für falsch halten. „Sturm auf den Justizpalast“ oder „Putsch im Regierungspalast“ – das scheint die Alternative gewesen zu sein, vor der Betancur stand.

Die Guerilla hat Rache angedroht. Der in ganz Lateinamerika – wenn auch meist skeptisch – beachtete Versuch, sich mit der bewaffneten Opposition zu verständigen, ist damit gescheitert. Kolumbien war aber auch das Vorbild für El Salvador, wo der „Dialog“ nach zwei ergebnislosen Treffen nicht vorankommt, und Betancur sorgte als treibende Kraft für den Versuch der Contadora-Gruppe, im mittelamerikanischen Konflikt um Nicaragua zu vermitteln. Jetzt ist sogar möglich, daß die Affäre Betancur zum vorzeitigen Rücktritt zwingt. H. B.