Von Michael Schwelien

Es ist kein Zufall, würden Marxisten sagen, wenn eine neue außenpolitische Zeitschrift kurz vor dem Genfer Gipfeltreffen zwischen Michail Gorbatschow und Ronald Reagan zum erstenmal herauskommt und diese Zeitschrift dem Gipfel nicht einen einzigen Artikel widmet. Foreign Affairs, immer noch die bedeutendste außenpolitische Vierteljahresschrift der Welt, stellt ein Drittel seiner Seiten dem Thema „Reagan und Gorbatschow“ zur Verfügung: Richard Nixon schreibt über die „Symmetrie zwischen den Supermächten“, andere Autoren äußern sich zur „gestörten Koexistenz“, zur „Gorbatschow-Strategie“ und über „Gorbatschow und die Wirtschaft“. Ganz anders das neue intellektuelle Forum der amerikanischen Konservativen;

„The National Interest“, Vierteljahresschrift, Heft 1, Herbst 1985; 127 S., Abonnement: US-$ 18 pro Jahr, zuzüglich US-$ 2 für den Versand außerhalb der USA über: The National Interest Subscription Department, P. O. Box 3000, Dept. Q Q, Denville, N. J., 07843 USA (nur gegen Vorauszahlung)

Gedacht als Antwort auf Foreign Affairs und auf das weiter links stehende Foreign Policy steigt es nicht in solche Niederungen hinab. Gipfel? The National Interest begnügt sich mit einer Zitatensammlung unter der Überschrift „Gipfel, die wir kannten“, allen voran der Rat Philippe de Comines’ aus dem 15. Jahrhundert, daß sich Fürsten besser nicht träfen. Der Hinweis ist unzweideutig: am besten, der Präsident und der Generalsekretär kämen überhaupt nicht zueinander. Aber wer da glaubt, man könne The National Interest als esoterisches Blättchen frustrierter Rechter abschreiben, irrt. Vor dem Gipfeltreffen gab es mehr als einen Versuch in Washington, die Begegnung zu hintertreiben, mindestens konkrete Verhandlungsergebnisse zu verhindern.

Als Berater konnte The National Interest gewinnen: den ehemaligen Außenminister Henry Kissinger, den Wirtschaftswissenschaftler Martin Feldstein, den Leiter des Centre for International Affairs an der Harvard-Universität, Samuel Huntington, die ehemalige UN-Botschafterin Jeane Kirkpatrick, den Publizisten Charles Krauthammer, also keineswegs nur Leute von rechts außen, keineswegs Leute ohne intime Kenntnisse der Machtverteilung zwischem Weißem Haus, Pentagon, dem State Department und dem Nationalen Sicherheitsrat. Es hieße allerdings den Einfluß dieser Berater überzubewerten, wenn man sie für den Inhalt einzelner Hefte verantwortlich machte. Wichtiger sind der Publisher (in Deutschland eher: Chefredakteur) Irving Kristol und die Editors (Redakteure) Owen Harries und Robert Tucker. Alle drei haben zur ersten Ausgabe beigetragen.

Allein schon die deutliche Sprache in der redaktionellen Einführung, eine Art Programm der neuen Zeitschrift, dürfte bei Europäern Schwindelgefühle hervorrufen. Noch vor zwei Jahrzehnten, meint die Redaktion von National Interest, herrschte in den Vereinigten Staaten Übereinstimmung über drei wesentliche Annahmen:

  • der alles überragende Zweck der amerikanischen Außenpolitik muß sein, das nationale Interesse der USA zu verteidigen und zu fördern;
  • die internationale Politik ist Machtpolitik;
  • die Sowjetunion stellt die größte einzelne Bedrohung amerikanischer Interessen dar.